Die Abwehr des Nationalsozialismus durch den Centralverein

Avraham Barkai, Pavel Golubev

Quellenbeschreibung

Das Flugblatt wurde von der CV-Ortsgruppe Hamburg verfasst und am 13.4.1932 als Beilage im Hamburger Fremdenblatt mit einer Auflage von circa 150.000 Exemplaren verbreitet.  Das liberale Hamburger Fremdenblatt, nach eigener Aussage die „größte politische Tageszeitung Nordwestdeutschlands“, erschien 1932 mit einer über Hamburg und Umgebung hinausreichenden Gesamtauflage von täglich ca. 150.000 Exemplaren. Flugblätter stellten ein Mittel im Kampf des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gegen Antisemitismus dar. Das Dokument befindet sich im Archiv der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Signatur: 623-2 (Jüdische Verbände, CV)
  • Avraham Barkai
  • Pavel Golubev

Das vorliegende Flugblatt, das am 13.4.1932 dem Hamburger Fremdenblatt beilag, richtet sich an „für deutsches Volk und Vaterland“ Strebende und dabei ausdrücklich auch an durch Antisemiten Irregeleitete unter ihnen. Im Vorfeld der am 24.4.1932 anstehenden Hamburger Bürgerschaftswahlen und wohl mit Blick auf die letzten Wahlerfolge der NSDAP in Hamburg versuchen die Autoren der Schrift, den Lesern die Verlogenheit und Unhaltbarkeit der antijüdischen Propaganda vor Augen zu führen. Als Verfasser der Flugschrift zeichnet die Hamburger Ortsgruppe des 1893 gegründeten Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (kurz: CV). Die Schreiber greifen die gängigen antisemitischen Behauptungen auf und widerlegen sie systematisch. Zudem betonen sie die Gewalttätigkeit der Nationalsozialisten – jedoch ohne diese beim Namen zu nennen – und die Gefahr, die von ihnen für ganz Deutschland ausgeht.

Entwicklung und Orientierung des Centralvereins


Der CV war die größte und bedeutendste politische Organisation der Juden im Deutschen Reich. Er zählte im Jahre 1926 über 60.000 Einzelmitglieder, die organisatorisch in 21 Landesverbänden und 555 Ortsgruppen gegliedert, praktisch über das gesamte Reichsgebiet verteilt waren. Ursprünglich konnte der CV, als Abwehrverein gegen den Antisemitismus, alle geistig-religiösen Richtungen umfassen. Später, besonders in der Zeit der Weimarer Republik, entwickelte er sich schnell zum „Gesinnungsverein“, der innerhalb der jüdischen Gemeinden gegen die christliche Taufe, aber auch gegen den aufsteigenden Zionismus eintrat. Aber in allen Phasen seiner ideologischen Entwicklung stand der Abwehrkampf gegen den Antisemitismus an hervorragender Stelle.

Aktivitäten des Centralvereins im Kampf gegen den Antisemitismus


Die frühen Protokollbücher des CV  Im Original erhalten in Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem. spiegeln den Charakter dieses Kampfes im Kaiserreich anschaulich. Die ehrenamtlichen Vorstandsmitglieder des Vereins, die meisten ausgebildete Juristen, teilten unter sich die Durchsicht der führenden Zeitungen auf, um antisemitische Angriffe zu entdecken. Die Rechtsschutzabteilung, zu dieser Zeit unter der Leitung des geistigen Führers des Vereins Eugen Fuchs die aktivste Stelle des CV, untersuchte die Fälle und die aus der Provinz einlaufenden Meldungen, um gerichtlich gegen sie vorzugehen. Bald jedoch musste der CV die Vergeblichkeit dieser Anstrengungen erkennen. Die Staatsanwaltschaft lehnte in den meisten Fällen eine öffentliche Anklage ab. Kamen doch Angeklagte vor Gericht, so wurden sie entweder freigesprochen oder zu lächerlich geringen Strafen verurteilt. Die öffentlichen Verhandlungen dienten ihnen darüber hinaus oft als Podium zur Verbreitung antisemitischer Propaganda, so dass die Vereinsführung zu dem Schluss kam, nur in den seltensten Fällen Klagen einzureichen.

Dieser Beschluss stand im Gegensatz zu der wiederholt deklarierten Absicht des CV, den Kampf gegen den Antisemitismus „im Lichte der Öffentlichkeit“ zu führen. Dabei war ausdrücklich der Justiz, unter Berufung auf die seit 1869 (beziehungsweise 1871) gesetzlich gewährte Gleichberechtigung der Juden als „deutsche Staatsbürger“, eine besondere Bedeutung zugedacht. Eine weitere Strategie war die öffentliche „Apologetik“, später „Aufklärung“ genannt. Sie bestand in der umfangreichen Verbreitung von schriftlichem Material und, in geringerem Maße, in öffentlichen Versammlungen, die die antisemitische Propaganda widerlegen und das Publikum über den wahren Charakter und die Werte des Judentums „aufklären“ sollten. Das hier vorgelegte Flugblatt gehört zu dieser Kategorie der Abwehrarbeit des CV, aber es entstand zu einer Zeit, als die CV-Führung die Wirkungslosigkeit dieser Art von Propaganda bereits erkannt hatte und andere Wege suchte, um die Wähler der Massengesellschaft zu beeinflussen. War dieses Hamburger Flugblatt schon bei seinem Druck ein Anachronismus, so ist es dennoch geeignet, Aufschluss über die ideologische Grundeinstellung – das Bekenntnis zum „Deutschtum“ – und den Stil der Argumentation des CV zu geben.

Appell an die „Kulturnation“ Deutschland


Das Flugblatt appelliert an die nationale Solidarität „deutscher Männer und Frauen“, und hebt unter anderem die Leistungen jüdischer Menschen in Wirtschaft und Wissenschaft als Verdienste zur Hebung „deutscher Kultur und deutschem Ansehen in der Welt“ hervor. Es ruft die Erinnerung an das gemeinsame Kriegserlebnis wach, „als 100.000 jüdische Menschen neben ihren deutschen Kameraden an der Front im großen Krieg gestanden haben. Von ihnen sind 12.000 für das Vaterland gefallen.“ Es schließt mit der Versicherung im Namen der „deutschen Juden […] mit allen Deutschen zusammen[zu]wirken für Arbeit und Aufbau für Freiheit und Gerechtigkeit, für inneren Frieden im ganzen Deutschen Volke!“  [Hervorhebungen d. Verf.]

Politische Einflussnahme des Centralvereins


In der Weimarer Zeit verlegte der CV seinen Abwehrkampf zunehmend auf die politische Ebene. Zwar war, bei dem geringen Gewicht von 0,7 Prozent der Bevölkerung, der Einfluss der jüdischen Stimmen bei den Wahlen nur klein, aber mittels der finanziellen Unterstützung der Parteien kam dem CV besonders in den Großstädten und bei Auswahl der Kandidaten, einiger Einfluss zu. Der CV erklärte seine politische Neutralität, aber unterstützte hinter verschlossenen Türen die liberalen Parteien und zunehmend die Sozialdemokraten, entsprechend der politischen Entwicklung.

Die Führer der liberalen und sozialistischen Parteien waren zumeist gegen die antisemitische Propaganda der Nationalsozialisten und anderer Rechtsradikaler gefeit. Aber angesichts des wachsenden Einflusses der Radikalen auf immer breitere Wählerschichten, befürchteten sie, als „Judenparteien“ gebrandmarkt zu werden. Sie platzierten in den letzten Jahren der Weimarer Republik immer weniger jüdische Kandidaten auf ihren Listen und der Antisemitismus wurde von ihnen nur mit einigen verschämten Floskeln abgehandelt. Selbst innerhalb der liberalen Deutschen Demokratischen Partei, der ein beträchtlicher Teil der bürgerlichen jüdischen Wähler seine Stimme gab, wurden Klagen laut, dass der Rückgang ihrer Wähler in der Endphase der Republik dem Bild der Partei als „Judenpartei“ zuzuschreiben sei. Im CV erkannte man, dass die Abwehr des Antisemitismus Teil des Kampfes gegen den Nationalsozialismus sei – aber auch, dass jede offene jüdische Beteiligung an diesem Kampf kontraproduktiv wäre.

Daher zog der CV es vor, gegen die NSDAP auftretende Organisationen, wie die „Eiserne Front“, das „Reichsbanner“ unter anderem, in aller Stille mit Geld und Propagandamaterial zu unterstützen. Daneben verbreitete er, ohne Erwähnung seines Namens, unter kaschierten Herausgebernamen, zeitgemäße Propaganda in kurzen Broschüren und Flugblättern. Das vorliegende Flugblatt der Hamburger Ortsgruppe jedoch fällt aus dieser Strategie klar heraus: Indem es auf argumentative Widerlegung antisemitischer Positionen und sachliche Aufklärung über die Juden und das Judentum setzt, folgt es den alten sogenannten Apologetik-Mustern. Zudem wird hier wieder offen aus einer jüdischen Position heraus argumentiert. Insofern ist dieses Flugblatt ein für die Zeit untypisches und sehr interessantes Dokument: Es zeigt, dass Positionen und Praktiken der Vereinsführung nicht immer auch für Ortsgruppen galten, und hilft so, das Funktionieren des CV als Ganzes besser zu verstehen. Das Dokument ist auch wichtig, weil es nur dank seiner weiten Verbreitung als Flugblatt erhalten ist und so zu den seltenen Quellen gehört, die Auskunft über die Hamburger CV-Ortsgruppe geben, über die sonst kaum etwas bekannt ist.

Auswahlbibliografie


Avraham Barkai, „Wehr Dich!“. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C.V.) 1893–1938, München 2002.
Ludwig Holländer, Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, in: Georg Herlitz/Ismar Elbogen (Hrsg.), Jüdisches Lexikon, Bd. I, Berlin 1927, Sp. 1289–1294.
Arnold Paucker, Der jüdische Abwehrkampf gegen Antisemitismus und Nationalsozialismus in den letzten Jahren der Weimarer Republik, Hamburg 1969.

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Zu den Autoren

Avraham Barkai, Dr. phil., geb. 1921, war Research Fellow am Leo Baeck Institut Jerusalem, an der Universität Tel Aviv sowie im Forschungszentrum der Gedenkstätte Yad Vashem. 2003 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Geschichte des Nationalsozialismus, Wirtschafts- und Sozialgeschichte.

Pavel Golubev, geboren 1982 in Riga, hat an der Universität Hamburg Geschichte auf Oberstufenlehramt studiert. Er erforscht im Rahmen seines Promotionsprojektes die Weimarer Debatte um das jüdisch-rituelle Schächten. Seine Forschungsinteressen liegen auf dem Gebiet der deutsch-jüdischen Geschichte der Weimarer Republik, der politischen Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts und der historischen Antisemitismusforschung.

Zitationsempfehlung und Lizenzhinweis

Avraham Barkai, Pavel Golubev, Die Abwehr des Nationalsozialismus durch den Centralverein, in: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, 22.09.2016. <https://dx.doi.org/10.23691/jgo:article-6.de.v1> [25.09.2017].

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