Paul Dessaus „Hagadah“. Ein Pessach-Oratorium als Spiegel der Zeitgeschichte

Daniela Reinhold

Quellenbeschreibung

Paul Des­saus Sze­ni­sches Ora­to­ri­um „Ha­g­adah“ auf einen Text von Max Brod ist das wich­tigs­te Werk des in Ham­burg ge­bo­re­nen Kom­po­nis­ten aus der frü­hen Zeit der Emi­gra­ti­on nach Frank­reich, in der er sich sei­ner jü­di­schen Wur­zeln be­sann und in den Dienst der zio­nis­ti­schen Be­we­gung stell­te. Die Spu­ren eines kom­pli­zier­ten Ent­ste­hungs­pro­zes­ses fin­den sich auch in der Skiz­ze zur Moses-​Arie im fünf­ten Teil des Wer­kes. Brod sand­te seine Text­ent­wür­fe aus Prag nach Paris und Um­ge­bung, wo Des­sau seit 1933 lebte. Des­sen Kom­po­si­ti­ons­ent­wür­fe gin­gen zur Be­gut­ach­tung wie­der zu­rück nach Prag. In der Skiz­ze bat der Kom­po­nist um eine Tex­ter­gän­zung, die er spä­ter auf dem­sel­ben Pa­pier per Post zu­ge­stellt bekam. Trotz der er­schwer­ten Ar­beits­be­din­gun­gen konn­te das Ora­to­ri­um zwi­schen 1934 und 1936 weit­ge­hend fer­tig­ge­stellt wer­den, doch die ge­plan­te Auf­füh­rung im Jü­di­schen Kul­tur­bund Frank­furt am Main 1936 schei­ter­te. Als Des­sau 1939 Frank­reich Rich­tung USA ver­ließ, gin­gen auch Skiz­zen, Ent­wür­fe und Par­ti­tur auf die Reise. Mit der Rück­kehr des Kom­po­nis­ten nach Deutsch­land 1948 war die Odys­see sei­nes Wer­kes je­doch nicht be­en­det. Noch ein­mal wurde es zum Spiel­ball po­li­ti­scher Ver­wer­fun­gen und selbst die Auf­füh­rungs­ge­schich­te hielt ei­ni­ge Fall­stri­cke be­reit.

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Das Leben des Komponisten in den Wirren des 20. Jahrhunderts


In die Bio­gra­fie wie das Werk Paul Des­saus hat sich die wech­sel­vol­le Ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts mar­kant ein­ge­schrie­ben. Er wurde am 19.12.1894 in Ham­burg ge­bo­ren. Aus dem El­tern­haus nahm er jü­di­sche Le­bens­for­men, ein mu­si­sches Klima sowie die frühe Ori­en­tie­rung auf eine In­ter­pre­ten­lauf­bahn mit. Es folg­ten das Stu­di­um im re­nom­mier­ten Klindworth-​Scharwenka-Konservatorium in Ber­lin, erste Kom­po­si­tio­nen, die an­schlie­ßen­de Welt­kriegs­er­fah­rung mit Ver­wun­dung, Ver­schüt­tung und Dienst in einer Mi­li­tär­ka­pel­le. Lehr­jah­re als Ka­pell­meis­ter am Ham­bur­ger Stadt­thea­ter, an den Ham­bur­ger Kam­mer­spie­len, den Stadt­thea­tern in Köln und Mainz sowie an der Städ­ti­schen Oper Ber­lin schlos­sen sich bis 1926 an. Mit der Di­ri­gen­ten­ar­beit am Ber­li­ner Alhambra-​Kino ge­riet er dann in den Sog der Film­kunst wäh­rend ihres Über­gangs vom Stumm-​ zum Ton­film, sie wurde sein Haupt­be­tä­ti­gungs­feld zwi­schen 1928 und 1933.

1933 floh Des­sau aus dem na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land nach Frank­reich, wo er bis zu sei­ner Über­sied­lung nach New York im Som­mer 1939 blieb. Hier wand­te er sich ver­stärkt sei­nem jü­di­schen Mu­sik­erbe und der jü­di­schen Ge­mein­schaft zu. Zu­gleich streb­te er da­nach, mit sei­ner Kunst po­li­tisch Stel­lung zu be­zie­hen und schrieb Lie­der für die In­ter­na­tio­na­len Bri­ga­den im Spa­ni­schen Bür­ger­krieg. Er be­gann, Texte von Ber­tolt Brecht zu ver­to­nen und eig­ne­te sich die Zwölf­ton­tech­nik Ar­nold Schön­bergs an.

Als er 1948 nach Deutsch­land zu­rück­ging, ent­schied er sich für die So­wje­ti­sche Be­sat­zungs­zo­ne. In den USA hatte er sich als Künst­ler wei­ter po­li­ti­siert und den Kom­mu­nis­ten an­ge­schlos­sen. Vor allem der Tod sei­ner Mut­ter in The­re­si­en­stadt 1942 wurde zur per­sön­li­chen Schlüs­sel­erfah­rung für sein an­ti­fa­schis­ti­sches En­ga­ge­ment. Der DDR fühl­te er sich mo­ra­lisch, po­li­tisch und künst­le­risch bis zum Tode ver­pflich­tet, auch wenn er von An­fang an mit den staat­li­chen Kul­tur­in­stan­zen in Kon­flikt ge­riet. Da­ne­ben wur­den seine Ehe mit der Re­gis­seu­rin und Cho­reo­gra­fin Ruth Berg­haus sowie sein Haus im bran­den­bur­gi­schen Zeu­then zu sta­bi­li­sie­ren­den Fak­to­ren. Hier fand sein Freundes-​ und Schü­ler­kreis aus Ost und West einen frei­en Diskussions-​ wie Be­geg­nungs­raum. In der DDR ge­hör­te er zu den viel ge­ehr­ten Künst­lern, doch sein Kon­zept, eine zeit­ge­nös­si­sche Musik mit der Spra­che der Mo­der­ne über die Not der Welt zu schrei­ben, blieb bis zu sei­nem Tod am 28.6.1979 un­er­wünscht.

Seine Hei­mat­stadt Ham­burg be­such­te er trotz der mit dem Ost-​West-Konflikt ver­bun­de­nen Schwie­rig­kei­ten häu­fig. Heute er­in­nern eine Ge­denk­ta­fel in der Nähe sei­nes im Krieg zer­stör­ten Ge­burts­hau­ses Am Hoh­len Weg 21 und eine Stra­ße in Bah­ren­feld an ihn sowie ein Stol­per­stein in der Han­sa­stra­ße 35 an seine Mut­ter.

Zur Entstehung der „Hagadah


Die erste künst­le­ri­sche Re­ak­ti­on auf die Emi­gra­ti­on war Des­saus ver­stärk­tes In­ter­es­se für die he­bräi­sche und jid­di­sche Spra­che, die jü­di­sche Lit­ur­gie und Volks­mu­sik. Nach einem an­fäng­li­chen Tref­fen in Prag zwi­schen Des­sau und Max Brod, den der Kom­po­nist bis dahin nur aus der Lek­tü­re kann­te und 1933 wegen sei­ner „Ha­g­adah“-Idee an­ge­schrie­ben hatte, ver­stän­dig­ten sich die Bei­den zwi­schen 1934 und 1936 weit­ge­hend auf dem Post­weg über den Text des ge­plan­ten Wer­kes. Der Schrift­stel­ler Georg Mor­de­c­hai Lan­ger, ein Be­kann­ter Brods, über­trug ihn ins He­bräi­sche, weil „man“, wie Brod an Des­sau schrieb, „nir­gends [] jetzt die Hit­ler-​Sprache sehen“ wolle. Brief vom 5. April [1936], Aka­de­mie der Küns­te, Paul-​Dessau-Archiv 2167 Nur noch ein­mal, im Juni 1935, tra­fen sich die Au­toren in Paris. Die er­hal­te­nen Text­ent­wür­fe zei­gen ihre Ar­beits­wei­se. Georg Mor­de­c­hai Lan­ger über­trug nicht nur Brods Text und die vor­ge­se­he­nen Teile aus Pes­sach-Ha­g­adah, Bibel und Midrasch ins He­bräi­sche, son­dern ver­sah alles mit Laut­schrift und Be­to­nungs­zei­chen für die Kom­po­si­ti­on. Des­sau ent­warf diese im Par­ti­cell, strich dabei ein­zel­ne Text­pas­sa­gen. Seine Fra­gen zur Aus­spra­che – er war wie Brod nur ober­fläch­lich mit dem He­bräi­schen ver­traut – gin­gen, wie das Par­ti­cell, wie­der an Brod und Lan­ger zur Kor­rek­tur der Sprach­be­to­nung und zur Be­ur­tei­lung der Kom­po­si­ti­on. Als Des­sau in der Moses-​Arie der Text aus­ging – „Und da ver­lies­sen sie ihn!“ schrieb er auf dem No­ten­blatt lau­nig dazu –, bat er als Ari­en­text um Nach­schub: „Lie­ber Max Brod! dich­te mit Herrn Lan­ger mir schnell noch dies hier“. Der in Musik ge­setz­te Wunsch wurde er­füllt. Selbst die An­pas­sung an die vor­ge­ge­be­ne Me­lo­die­li­nie ge­lang weit­ge­hend. Und so wurde der „‚[k]leine Verdi‘ in der Wes­ten­ta­sche“, wie Des­sau die Arie iro­nisch cha­rak­te­ri­siert hatte, in das um­fang­rei­che Ora­to­ri­um ein­ge­fügt.

Rezeption zwischen verschiedenen Welten


Un­mit­tel­bar nach­dem Max Brod in einem In­ter­view mit der „Jü­di­schen Rund­schau“ im No­vem­ber 1934 von dem „Ha­g­adah“-Plan be­rich­tet hatte, zeig­te der Di­ri­gent Hans Wil­helm Stein­berg In­ter­es­se an einer Auf­füh­rung. Er hatte nach sei­ner Ent­las­sung als Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor in Frank­furt am Main 1933 im dor­ti­gen Jü­di­schen Kul­tur­bund ein Or­ches­ter auf­ge­baut. Des­sau, der Stein­berg aus der ge­mein­sa­men Zeit in Köln gut kann­te, hielt ihn über den Kom­po­si­ti­ons­pro­zess auf dem Lau­fen­den. Für Ende April 1936 wurde die Ur­auf­füh­rung an­ge­kün­digt, die je­doch eben­so wie in Ber­lin, Te­plitz oder Ams­ter­dam schei­ter­te. Eine in der jü­di­schen Lit­ur­gie wur­zeln­de Kom­po­si­ti­on, die zudem mit den em­pha­ti­schen Wor­ten „Le­scha­na habaa bi­j­ru­schala­jim, le­scha­na habaa bene cho­rin“ („Im nächs­ten Jahr in Je­ru­sa­lem, im nächs­ten Jahr freie Män­ner“) en­de­te, war of­fen­bar 1936 nicht mehr auf­führ­bar. Zu­gleich er­schwer­ten die au­ßer­or­dent­li­chen An­for­de­run­gen der Kom­po­si­ti­on eine schnel­le Um­set­zung. Der ge­wal­ti­ge Chor- und Or­ches­ter­ap­pa­rat ent­sprach nicht den Be­din­gun­gen, unter denen jü­di­sche En­sem­bles jener Zeit ar­bei­te­ten. Des­sau mach­te je­doch keine Zu­ge­ständ­nis­se an die, auch ihm be­wuss­ten, rea­len Be­schrän­kun­gen. Die Ver­wirk­li­chung sei­ner geis­ti­gen und mu­si­ka­li­schen In­ten­tio­nen hatte für ihn Prio­ri­tät. Und so ließ sich auch die nach Stein­bergs Emi­gra­ti­on ge­plan­te Ur­auf­füh­rung mit dem Pa­les­ti­ne Or­ches­tra, das er bis 1938 lei­te­te, nicht rea­li­sie­ren.

Die Ur­auf­füh­rung kam erst am 22.4.1962 in Je­ru­sa­lem zu­stan­de. Nehemia Vina­ver, Di­ri­gent und In­itia­tor, kann­te Des­sau noch aus dem ame­ri­ka­ni­schen Exil. Die kon­zer­tan­te Auf­füh­rung mit Chor, Ju­gend­chor und Sin­fo­nie­or­ches­ter von Kol Is­ra­el war eine stark ge­kürz­te Fas­sung, die der Sen­der lange Jahre zu Pes­sach im Rund­funk aus­strahl­te. In Deutsch­land er­klang die „Ha­g­adah“, eben­falls stark ge­kürzt und ent­ge­gen der Ab­sicht der Au­toren in einer deut­schen Über­set­zung, erst­mals am 4.9.1994 in Ham­burg unter der Lei­tung des Di­ri­gen­ten Gerd Al­brecht. Erst am 5.4.2012 wurde das Werk kom­plett in sei­ner ur­sprüng­li­chen, he­bräi­schen Ge­stalt ge­spielt – von den Col­le­gia­te Cho­ra­le Sin­gers und dem Ame­ri­can Sym­pho­ny Or­ches­tra unter der Lei­tung von Leon Bot­stein in New York.

Überlieferung unter den Bedingungen des Kalten Krieges


Auch die Ma­nu­skrip­te des Wer­kes hat­ten man­che Odys­see zu über­ste­hen. Mit der Druck­le­gung be­auf­tragt wurde zu­nächst der Wie­ner Jibneh-​Verlag, der sich schnell von den Di­men­sio­nen über­for­dert zeig­te. Schließ­lich fi­nan­zier­ten Des­sau und Brod sowie das Pra­ger Bank­haus Pet­schek & Co. mit einer Spen­de die Her­stel­lung eines Kla­vier­aus­zu­ges. Bei sei­ner Über­sied­lung in die USA nahm Des­sau die Ma­nu­skrip­te sei­ner schon zu die­sem Zeit­punkt mehr als 100 Kom­po­si­tio­nen mit. Als er nach Hol­ly­wood wei­ter­zog, ließ er unter an­de­rem den voll­stän­di­gen Kom­po­si­ti­ons­ent­wurf der „Ha­g­adah“ und den Text­ent­wurf für den letz­ten Teil bei einem be­freun­de­ten Kan­tor in New York. Die­ser über­gab sie spä­ter Des­saus Toch­ter Eva, die an­ders als ihr Vater in den USA ge­blie­ben war.

Doch das um­fang­rei­che, über 300 Sei­ten um­fas­sen­de, groß­for­ma­ti­ge Par­ti­tur­au­to­graph, das Des­sau immer bei sich be­hielt, muss­te eben­falls noch Ge­fähr­dun­gen über­ste­hen. In den frü­hen 1950er-​Jahren schlug der An­ti­se­mi­tis­mus im so­zia­lis­ti­schen Lager im Zuge des tsche­chi­schen Slánský-​Prozesses auch in der DDR po­li­tisch ge­lenk­te Wel­len, und das Dik­tum von der „zio­nis­ti­schen Ver­schwö­rung“ mach­te die Runde. Zuvor schon war Des­sau mit sei­ner Oper „Das Ver­hör des Lu­kul­lus“ in den Fokus der Kul­turad­mi­nis­tra­ti­on ge­ra­ten. Aus Angst vor er­neu­ter „ras­si­scher“ Ver­fol­gung se­pa­rier­te er die Par­ti­tur von sei­nen sons­ti­gen Un­ter­la­gen und ver­steck­te sie im Gar­ten­haus sei­nes Zeu­the­ner Hau­ses. Lange nach Des­saus Tod fand Ruth Berg­haus sie zu­fäl­lig wie­der. Erst als Des­saus Toch­ter die bei ihr ver­blie­be­nen Ma­nu­skrip­te Mitte der 1990er-​Jahre nach Deutsch­land brach­te, konn­ten die Ma­te­ria­li­en – 60 Jahre nach der Kom­po­si­ti­on – im Ar­chiv der Ber­li­ner Aka­de­mie der Küns­te wie­der­ver­ei­nigt wer­den.

Der Komponist im Konflikt zwischen jüdischer Tradition und kommunistischem Erlösungs- wie Herrschaftsanspruch


Jü­di­sche Kan­to­ren ge­hör­ten über meh­re­re Ge­nera­tio­nen zu Des­saus vä­ter­li­chem Fa­mi­li­en­zweig. Sein Ur­groß­va­ter war 40 Jahre lang Kan­tor, zum Schluss Ober­kan­tor in der Deutsch-​Israelitischen Ge­mein­de in Ham­burg, der Groß­va­ter hatte An­stel­lun­gen in den Syn­ago­gen von Sülz, Den Haag und Ham­burg. Aus die­sem Erbe wie auch der Mit­wir­kung im Syn­ago­gen­chor wäh­rend der Ju­gend­zeit rühr­te die ge­naue Kennt­nis syn­ago­ga­ler Mu­si­zier­pra­xis. Doch eine streng­gläu­bi­ge Er­zie­hung war nicht damit ver­bun­den ge­we­sen. Nichts­des­to­trotz ge­hör­te die Re­li­gi­on, auch kom­po­si­to­risch, bis in die 1940er-​Jahre selbst­ver­ständ­lich zu Des­saus Leben. Ge­ra­de in den ers­ten Emi­gra­ti­ons­jah­ren be­stimm­te die Ein­bin­dung in den ri­tu­el­len und so­zia­len Zu­sam­men­hang der jü­di­schen Kul­tur sein Den­ken, was sich mit der Über­sied­lung nach New York noch ver­stärk­te. Erst nach der Be­geg­nung mit Brecht und Des­saus Rück­ori­en­tie­rung nach Deutsch­land trat die jü­di­sche The­ma­tik zu­rück.

Mu­si­ka­li­sches Ma­te­ri­al jü­di­scher Pro­ve­ni­enz spiel­te in sei­nem Œuvre fort­an so gut wie keine Rolle mehr. Bes­ten­falls unter der Ober­flä­che klang es nun­mehr an. Die 1960 bis 1961 ent­stan­de­ne „Jü­di­sche Chro­nik“ – eine Ost-​West-Gemeinschaftskomposition mit Boris Bla­cher, Karl Ama­de­us Hart­mann, Hans Wer­ner Henze und Ru­dolf Wagner-​Régeny – er­in­ner­te an die Scho­ah und wand­te sich gegen zu­neh­men­de an­ti­se­mi­ti­sche Schmä­hun­gen und Schän­dun­gen in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, mied je­doch be­wusst jü­di­sche Mo­ti­vik. Wäh­rend also die Exil­zeit zu einer Hin­wen­dung zur jü­di­schen Tra­di­ti­on ge­führt hatte, wie die „Ha­g­adah“ bei­spiel­haft ver­deut­licht, tra­ten in der DDR an­de­re The­men in den Vor­der­grund. Der DDR fühl­te sich Des­sau auf­grund ihres an­ti­fa­schis­ti­schen Pro­gramms bis zu sei­nem Le­bens­en­de ver­bun­den. Sein Ver­hält­nis zu Is­ra­el, ein Ort, der in der „Ha­g­adah“ noch als vi­sio­nä­res Frei­heits­ziel fun­giert hatte, ge­stal­te­te sich hin­ge­gen zu­neh­mend schwie­rig. Der Aus­bruch des Sechs-​Tage-Krieges 1967 trieb den Kon­flikt auf die Spit­ze. Dem Di­ri­gen­ten Otto Klem­pe­rer, der sich in die­ser Si­tua­ti­on de­mons­tra­tiv zum jü­di­schen Staat be­kann­te, schrieb Des­sau, er sei zwar Jude, aber nicht Is­rae­lit. Zi­tiert von Otto Klem­pe­rer im Brief an Paul Des­sau, Zü­rich, 25. Juli 1967, Aka­de­mie der Küns­te, Paul-​Dessau-Archiv 2133 Diese Tren­nung ent­sprach der of­fi­zi­el­len an­ti­is­rae­li­schen Hal­tung der DDR. Letzt­lich grenz­te Des­sau seine per­sön­li­che Ver­gan­gen­heit so dop­pelt aus. Er ver­such­te als über­zeug­ter Kom­mu­nist, den Kon­flikt zwi­schen jü­di­scher Tra­di­ti­on und kom­mu­nis­ti­schem Erlösungs-​ wie Herr­schafts­an­spruch aus­zu­hal­ten. Ge­lun­gen ist ihm das nur teil­wei­se.

Auswahlbibliografie


Angermann, Klaus (Hrsg.), Paul Dessau – Von Geschichte gezeichnet. Symposionsberichte des Musikfestes Hamburg, Hofheim 1995.
Max Brod, Wie unsere „Hagadah“ entstand, in: Musica Hebraica, Bd. 1-2, Jerusalem 1938, S. 21-23.
Nina Ermlich Lehmann u.a. (Hrsg.), Fokus „Deutsches Miserere“ von Paul Dessau und Bertolt Brecht. Festschrift Peter Petersen zum 65. Geburtstag, Hamburg 2005.
Joachim Lucchesi, Das Verhör in der Oper. Die Debatte um die Aufführung „Das Verhör des Lukullus“ von Bertolt Brecht und Paul Dessau, Berlin 1993.
Peter Petersen, Von Hamburg nach Hollywood. Paul Dessau im US-amerikanischen Exil, in: Peter Petersen / Arbeitsgruppe Exilmusik am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Hamburg (Hrsg.), Zündende Lieder – verbrannte Musik. Folgen des Nazifaschismus für Hamburger Musiker und Musikerinnen, Hamburg 1995, S. 95-121.
Peter Petersen, Der blinde Fleck? Judentum und Shoah bei Paul Dessau und Hanns Eisler, in: Zwischenwelt. Literatur – Widerstand – Exil, 18 (2002) 4, S. 43-48.
Daniela Reinhold (Hrsg.), Paul Dessau. 1894-1979. Dokumente zu Leben und Werk, Berlin 1995.
Daniela Reinhold (Hrsg.), Paul Dessau. „Let’s Hope for the Best”. Briefe und Notizbücher aus den Jahren 1948 bis 1978, Archive zur Musik des 20. Jahrhunderts, 5, Hofheim 2000.
Matthias Tischer, Komponieren für und wider den Staat. Paul Dessau in der DDR, Köln u.a. 2009.

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Zur Autorin

Daniela Reinhold, Musikwissenschaftlerin. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Musikarchiv der Akademie der Künste, Berlin, ist sie unter anderem verantwortlich für das Paul-Dessau-Archiv, sie veröffentlicht über Musik und Musiktheater im 20. Jahrhundert.

Zitationsempfehlung und Lizenzhinweis

Daniela Reinhold, Paul Dessaus „Hagadah“. Ein Pessach-Oratorium als Spiegel der Zeitgeschichte, in: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, 28.04.2021. <https://dx.doi.org/10.23691/jgo:article-265.de.v1> [03.04.2025].

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