Haute Couture aus Israel. Die Designerin Galia Lahav und Hamburgs Vergangenheit als Ort jüdischer Modeunternehmen

Julie Grimmeisen

Quellenbeschreibung

Die Fotografie zeigt das Brautkleid Corina und stammt von der offiziellen Website der israelischen Modedesignerin Galia Lahav (https://www.galialahav.com/wedding/le-secret-royal/corina/). Der prinzessinenhafte Haarschmuck, das mit Blumen verzierte Korsett und der weit ausladende Tüllrock werden in einem märchenhaften Ambiente in Szene gesetzt. Das Bild steht dabei exemplarisch für den Anspruch des Modeunternehmens Galia Lahav, Luxus, Eleganz und Romantik in seiner Brautmode zu vereinen. Vielleicht wurde diese Fotografie auch deshalb für den Beitrag im Hamburger Kuchenbuchs Hochzeitskatalog ausgewählt, in dem unter der Überschrift „Echte Haute Couture in Hamburg“ (S. 48-51) über die Brautmoden von Galia Lahav berichtet wird, wobei auf den ersten europäischen Flagshipstore des israelischen Unternehmens verwiesen wird, der 2016 im Mittelweg 21a in Hamburg eröffnet wurde.

  • Julie Grimmeisen

Die Modedesignerin Galia Lahav


Galia Lahav ist eine der international erfolgreichsten Tel Aviver Designerinnen für Haute Couture. In den 1950er-Jahren immigrierte sie als Kind zusammen mit ihrer Familie nach Israel, wurde zur Handarbeits- und Kunstlehrerin ausgebildet und eröffnete 1985 ihr erstes Geschäft für handgemachte Spitzenapplikationen – der Beginn ihrer großen Karriere in der Modebranche. Heute ist sie spezialisiert auf Hochzeits- und Abendkleider. Ihr Studio mit über 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern befindet sich im Zentrum Tel Avivs. Lahavs luxuriöse Hochzeitskleider aus feiner Spitze, Tüll und filigranen Stickereien werden vor allem von internationalen Berühmtheiten und europäischen Adligen getragen. Bekannt sind ihre Modeschöpfungen für die tiefen und kunstvoll geschmückten Rückenausschnitte und fließenden Röcke. Auf diesen Aspekt weist auch die Fotografie von Lahavs Webseite hin, welche einen weit ausladenden Tüllrock zeigt, der mit Stickereien verziert ist. Trotz der geschmeidigen Form wirken ihre Kleider dramatisch und romantisch. Dafür übernimmt sie für ihre Kollektionen Stilelemente vergangener Epochen. Das auf der Fotografie vorgeführte Modell „Corina“, mit seiner figurbetonten engen Taille, imitiert den in den 1950er-Jahren geprägten „New Look“. In der Kombination mit den aufwendigen Applikationen, Stickereien sowie dem ausladenden Rock wirkt das Brautkleid prächtig und märchenhaft. Auf der Internetseite des Modelabels dient die Fotografie als Blickfang und dementsprechend als Werbung für das Modegeschäft. Junge Frauen werden dazu eingeladen, sich mit den abgebildeten Models in Brautkleidern zu identifizieren und sich selbst in einem Galia-Lahav-Kleid am Tag ihrer Hochzeit vor einem begeisterten Publikum in einem prunkvollen Saal vorzustellen. Es wird ihnen suggeriert, dass sie sich mit dem richtigen Kleid gar „majestätisch“ oder wie eine „Märchenprinzessin“ fühlen können – auch legt der Name der Kollektion „Le Secret Royal“ („Das royale Gehemnis“), aus der das Modell „Corina“ stammt, solche Assoziationen nahe.

2016 wurde Galia Lahavs Modehaus eingeladen, dem Pariser Verband „Chambre Syndicale de la Haute Couture“ beizutreten. Es ist somit berechtigt, auch in Frankreich seine Kreationen als „Couture“ zu bezeichnen und sich von Prêt-à-porter-Mode, das heißt industriell hergestellter Ware, abzugrenzen. Eine Auszeichnung, die gehobene Schneiderkunst mit luxuriösen Materialien hervorhebt.

Tel Aviv als neue Modemetropole


Lahavs internationaler Erfolg steht symbolhaft für den Aufstieg der jungen israelischen Strandstadt zu einer Modemetropole. Seit den 1930er-Jahren ließen sich vermehrt Juden aus Zentraleuropa in Tel Aviv nieder, die neben ihrer Sprache und Kultur auch ihren Kleidungsstil mitbrachten. Viele Einwanderer waren in der europäischen Bekleidungsindustrie tätig gewesen und eröffneten auch in ihrer neuen Heimat Modeunternehmen. Auch wenn die Anfänge aufgrund der Materialknappheit schwierig waren, wurde Tel Aviv seit den 1950er-Jahren zur Exportstadt für exklusive Modeprodukte. Die Kleidung, die für den lokalen Markt produziert wurde, blieb hingegen zunächst überwiegend von einfacher Qualität und wenig modebewusst. Die große Mehrheit der israelischen Frauen konnte sich in Zeiten nationaler Sparpolitik keine teuren und extravaganten Kleidungsstücke leisten. Dagegen entsprachen die israelischen Kleider, die für den Export gedacht waren, den europäischen, insbesondere den französischen Standards. Lola Ber, eine der ersten großen Tel Aviver Designerinnen, wurde maßgeblich von Christian Dior beeinflusst. Ber wurde 1910 in Mähren, im heutigen Tschechien, geboren und wanderte 1939 nach Palästina aus. Ihre professionelle Ausbildung hatte sie aber noch in Europa erhalten. In ihren Designs verband sie perfekte Handwerkskunst mit schlichter Eleganz und stilistischer Komplexität.

Jüdische Modeunternehmen in Hamburg


Auch in Hamburg hatte es vor der nationalsozialistischen Zeit zahlreiche jüdische Bekleidungsunternehmen und Modegeschäfte gegeben, darunter die Bekleidungshäuser Gebr. Hirschfeld, Gebr. Robinsohn und das Ostindienhaus Heinrich Colm am Neuen Wall, das Damen-Konfektionsgeschäft der Gebr. Feldberg sowie die Textilfabrik Rappolt & Söhne in der Mönckebergstraße. Darüber hinaus taten sich jüdische Hamburger in der Regenmantelherstellung hervor, wie in der Mäntelfabrik Hans Steinberg & Co. in der Bellealliancestraße. Aus den Forschungen des Historikers Frank Bajohr geht hervor, dass sich über 40 Prozent der Fachgeschäfte für Damen- und Mädchenbekleidung in jüdischem Besitz befanden. Jüdische Modehäuser hatten in Hamburg eine lange Tradition. 1892 eröffnete Leo Robinsohn das erste Modegeschäft seiner Familie in der Bleichenbrücke. Beim Umzug in die neuen Geschäftsräume am Neuen Wall im Jahre 1901 hatte das Unternehmen mehr als 150 Angestellte. Die Firma Gebr. Hirschfeld bot gehobene Damenbekleidung seit 1893 in Hamburg an. Aufgrund des rasanten Erfolgs des Familienunternehmens Hirschfeld konnten in den folgenden Jahren weitere Filialen in Bremen, Lübeck, Hannover und Leipzig eröffnet werden. Das Geschäft Gebr. Feldberg war deutschlandweit als Spezialist für Damenmäntel bekannt.

Auch in anderen deutschen Städten, allen voran Berlin, gab es namhafte jüdische Modehäuser. Große Popularität genoss etwa das Kaufhaus Nathan Israel in der Spandauer Straße. Die Anfänge des Bekleidungsunternehmens gingen bis ins Jahr 1815 zurück. Das Modefachgeschäft Herrmann Gerson war seit Mitte des 19. Jahrhunderts Hoflieferant für das preußische Königs- und Kaiserhaus. Beide Adressen boten auch Haute Couture Mode aus Paris an oder entwarfen an französische Mode angelehnte „Konfektionskleidung“. Des Weiteren wurde zum „Modentee“ und zu größeren Modenschauen eingeladen, bei denen bekannte Schauspielerinnen als Models auftraten.

Auf gleiche Weise führten jüdische Modegeschäfte in Hamburg die neuesten Kollektionen vor. Ein Bericht aus den „Hamburger Nachrichten“ vom 23.3.1927 schildert den Ablauf einer Modenschau der Firma Gebr. Robinsohn. Dabei wird insbesondere auf die eleganten Abend- und Brautkleider verwiesen, deren Beschreibung an die Modelle von Galia Lahav erinnert: „Unter den Abendkleidern sah man einige kostbare Modelle, die in ihrer Pracht und Herrlichkeit die sehnsüchtigen Wünsche mancher Frau erregt haben werden. Bildschön ein Kleid aus Silberbrokat mit Silberspitzen und bestickten altrosa Perlenbesatz.“ Zum Abschluss der Schau wurde „ein Brautkleid in weißer Crepe-Satin-Seide mit Schleier und Spitzen“ gezeigt.

Seit 1933 wurden ausschließlich jüdische Modegeschäftsinhaber angefeindet, zur Aufgabe ihres Betriebs oder zum Verkauf gezwungen, denn für die Nationalsozialisten galt gerade die Modeindustrie als „verjudet“. Die antisemitische Propaganda beschuldigte die Mode aus jüdischer Hand, „deutsche Frauen“ zu verführen, und bezeichnete die Mode als „Schande“ und „Entwürdigung des deutschen Geschmacks“ . Am 1.4.1933, dem Tag, an dem die NSDAP deutschlandweit zu Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte, Anwalts- und Arztpraxen aufrief, positionierten sich SA-Angehörige auch vor jüdischen Bekleidungshäusern in Hamburg und versuchten mit antisemitischen Hetzbotschaften, wie „Kauft nicht bei Juden“, Kunden vom Eintritt zu hindern. Nicht-Juden, die sich davon nicht abhalten ließen, wurden fotografiert und durch Namenslisten öffentlich angeprangert. Im Juni 1933 wurde die „Arbeitsgemeinschaft deutsch / arischer Fabrikanten der Bekleidungsindustrie“, kurz Adefa, gegründet, die sich zum Ziel setzte, die deutsche Modebranche „judenfrei“ zu machen. Die dort vernetzten Firmen kennzeichneten ihre Bekleidung mit dem Etikett „Adefa – das Zeichen für Ware aus arischer Hand“. Die Adefa grenzte jüdische Modefirmen systematisch aus und drohte Einzelhändlern mit Denunziation, sollten sie weiterhin Textilien von jüdischen Firmen anbieten. Offene Gewalt zeigte sich im Pogrom vom 9. auf den 10.11.1938 auch gegen Hamburger Modehäuser. Beispielsweise stürmten SA- und SS-Einheiten das Geschäft der Gebr. Robinsohn, demolierten es mutwillig und plünderten es teilweise. Schaufensterpuppen und Stoffballen warfen sie in den angrenzenden Alsterkanal. Der Schaden, der im Geschäft der Gebr. Hirschfeld durch Zerstörung und Warenraub angerichtet wurde, belief sich auf 100.000 Reichsmark. 1939 war die „Zwangsarisierung“ jüdischer Betriebe in Hamburg abgeschlossen und somit auch der Tradition jüdischer Modegeschäfte, die für ihre Kompetenz, Qualität und Eleganz bekannt gewesen waren, ein Ende gesetzt. Viele ehemalige Besitzer, die nicht mehr emigrieren konnten, wurden während der systematischen Vernichtung der europäischen Juden ermordet. Häufig hatten sich die Nationalsozialisten ihrer Schneiderfertigkeiten dennoch noch in den Ghettos und Konzentrationslagern bedient, um Maßanfertigungen für hochrangige Parteifunktionäre und ihre Ehefrauen, für das Militär oder deutsche Unternehmen zu nähen.

Galia Lahav in Hamburg


Mit der Eröffnung des Brautkleidergeschäfts von Galia Lahav gibt es seit einigen Jahren wieder ein jüdisches Modehaus in Hamburg. Lahavs Boutique am Mittelweg und die Vorführung von neuen Modellen in Hochzeitskatalogen und gelegentlich auf Modeschauen, wie zur Eröffnung des Geschäfts , knüpfen an die Tradition jüdischer Modegeschäfte in der Hansestadt an, und erinnern an einen Teil des kulturellen Reichtums, der durch die Nationalsozialisten zerstört wurde. Auch wenn dieser Bogen von Lahav selbst nicht geschlagen wird und von dem Hamburger Flagshipstore sogar ausdrücklich zurückgewiesen wird.

Das Bild kann einerseits im deutsch-jüdischen Kontext interpretiert werden. Es weist auf die vormals wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung der jüdischen Bevölkerung in der Hamburger und deutschen Modeindustrie hin. Im Kontext der deutsch-israelischen Beziehungen führt es aber auch die Geschichte der jüdischen Einwanderer nach Israel vor Augen. Diese wussten ihre kreativen Fähigkeiten auch dort umzusetzen und einen international erfolgreichen Modezweig aufzubauen.

Auswahlbibliografie


Frank Bajohr, „Arisierung“ in Hamburg. Die Verdrängung der jüdischen Unternehmer, 1933-1945, Hamburg 1997.
Mila Ganeva, Women in Weimar Fashion. Discourses and Displays in German Culture, 1918-1933, Rochester 2008.
Irene Guenther, The Destruction of a Culture and an Industry, in: Roberta S. Kremer, Broken Threads. The Destruction of the Jewish Fashion Industry in Germany and Austria, Oxford und New York 2007.
Anat Helman, Young Tel Aviv. A Tale of Two Cities, Hanover und London 2010.
Anat Helman, A Coat of Many Colors. Dress Culture in the Young State of Israel, Boston 2011.
Ingrid Loschek, Contributions of Jewish Fashion Designers in Berlin, in: Roberta S. Kremer, Broken Threads. The Destruction of the Jewish Fashion Industry in Germany and Austria, Oxford und New York 2007.

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Zur Autorin

Julie Grimmeisen, Dr., ist akademische Leiterin im Generalkonsulat des Staates Israel in München. Sie promovierte am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur an der LMU München. Ihre Dissertation erschien 2017 unter dem Titel „Pionierinnen und Schönheitsköniginnen. Frauenvorbilder in Israel, 1948-1967“ im Wallstein Verlag.

Zitationsempfehlung und Lizenzhinweis

Julie Grimmeisen, Haute Couture aus Israel. Die Designerin Galia Lahav und Hamburgs Vergangenheit als Ort jüdischer Modeunternehmen, in: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, 07.12.2018. <https://dx.doi.org/10.23691/jgo:article-246.de.v1> [15.12.2018].

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