Die Jungen vom „Gusch“. Ein jüdisches Jugendbuch, Berlin 1936, S. 22-23

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    Währenddessen war Kurt beim Heimnachmittag.
    Die Gruppe war vollzählig versammelt. Auch Julles
    Onkel war gekommen. Das hatten die Wände des
    kleinen Zimmerchens noch nicht erlebt, seitdem die
    Jungen den Raum gemietet und zum Bundesheim aus-
    gestaltet hatten: ein Onkel beim Heimnachmittag!


    Aber Julies Onkel war gar kein gewöhnlicher
    Onkel. Er kannte jedes hebräische Lied, das die Gruppe
    sang, und sang aus voller Kehle mit. Die zwölf Jungen
    staunten mächtig.


    „Ich bin erst vor kurzem von meiner Palästina-
    reise wiedergekommen“, erklärte Herr Siegler. „Dort
    habe ich die Lieder gelernt.“


    Als Mosche, der Gruppenleiter, auf die Hauptsache
    zu sprechen kam und die Einladung bekanntgab, kannte
    die Begeisterung keine Grenzen. Alle sprangen auf
    Herrn Siegler zu und drückten ihm die Hand. Atze, der
    beste Turner, versuchte vor Freude sogar einen Hand-
    stand auf dem Tisch, und Tippel, der Gruppen-Clown,
    schrie:


    „Himmel, Donner, Blitz und noch was,
    nun wird das Sommerlager doch was!“


    Herr Siegler sagte: „Ihr braucht mich nicht zu
    siezen, Jungens. Sagt nur ruhig ,Leo‘ zu mir.“ — Da
    fiel es Kurt auch auf, daß Julles Onkel jetzt gar keinen
    Schlips umgebunden, sondern den weichen Hemdkragen
    umgelegt hatte. So sah er aus wie ein jüdischer Arbeiter
    aus Palästina, wie Kurt sie oft auf Bildern gesehen
    hatte.


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    Nun wurden die Einzelheiten besprochen. Wieviel
    Geld jeder von seinen Eltern mitbekommen würde, was
    die Bahnfahrt zum Gut koste, welche Zelt- und Sport-
    geräte die einzelnen Chawerim Freunde mitbringen würden und
    all die vielen anderen Fragen, die eine Gruppe klären
    muß, wenn sie auf ein Lager zieht. — Dann bat Mosche
    um Vorschläge für die Gestaltung des Lagers.


    „Himmel, Donner, Blitz und noch was — “
    nun wird das Sommerlager doch was!

    „Laßt uns vom Lager aus viele Wanderungen
    machen“, schlug Zwi vor.


    „Wir wollen unser Essen selbst abkochen.“ Das
    war natürlich Maxi, der Baal-Guf Träger eines Körpers.


    „Wir wollen viele Geländespiele spielen“, meinte
    Zappel. Zappel war der Jüngste der Gruppe. Er
    konnte nicht fünf Minuten lang still sitzen.

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    Quellenbeschreibung

    Die Doppelseite stammt aus dem zionistischen Jugendbuch „Die Jungen vom Gusch“, das 1936 im Berliner Kedem Verlag erschien und von Bernhard Gelbart verfasst wurde. Der Roman ist an Jugendliche adressiert und umfasst 125 Seiten. In dem ausgewählten Textausschnitt wird ein Treffen der zionistischen Jugendgruppe um den Protagonisten Kurt geschildert, bei dem Leo Siegler, der Onkel eines Gruppenmitglieds, aus Palästina zu Besuch kommt und die nächste Gruppenfahrt besprochen wird. Der Text wird ergänzt durch eine Illustration, die den Onkel mit den ausgelassen tobenden Jungen zeigt. Als der Roman erschien, unterlagen Leser und Produzenten deutsch-jüdischer Kinderliteratur erheblichen Beschränkungen. Mit der Gründung der Reichsschrifttumskammer 1933 wurde die Voraussetzung dafür geschaffen, dass jüdische Schriftsteller nur noch in jüdischen Verlagen und für eine jüdische Leserschaft schreiben konnten. Texte, die eine deutsch-jüdische Kultur repräsentierten, wurden von der Zensur unterdrückt. Dagegen wurden zionistische Texte, die für die zunächst staatlicherseits favorisierte Auswanderung der jüdischen Bevölkerung warben, sogar gefördert. Diese politische und thematische Einengung führte zu einer kurzen Hochphase der deutsch-jüdischen Kinderliteratur und besonders der zionistischen Literatur. Die zentralen Anliegen dieser Literaturströmung, die seit Beginn der 1930er-Jahre zur dominanten Strömung innerhalb der deutsch-jüdischen Kinderliteratur angewachsen war, lassen sich an der ausgewählten Textpassage gut ablesen.
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    Empfohlene Zitation

    Die Jungen vom „Gusch“. Ein jüdisches Jugendbuch, Berlin 1936, S. 22-23, veröffentlicht in: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, <https://dx.doi.org/10.23691/jgo:source-115.de.v1> [22.08.2017].