Das Nachleben des Exils. Die Rückkehr der Kinderbuchautorin Grete Berges

Jasmin Centner

Quellenbeschreibung

Unter dem Titel „Wiedersehen mit Hamburg“ beschreibt die 1936 aus Deutschland exilierte Grete Berges ihre Rückkehr in die Stadt, aus der sie von den Nationalsozialisten vertrieben wurde. 17 Jahre liegen zwischen Flucht und neuerlicher Ankunft der Schriftstellerin, Übersetzerin und Literaturagentin. Im Jahre 1953 begleitete sie den schwedischen Schriftsteller Per Olof Ekström, dessen Agentin sie war, auf eine Geschäftsreise nach Hamburg. Anlässlich dieser Rückkehr erschien ihr kurzer Artikel „Wiedersehen mit Hamburg“ am 22.7.1953 im Hamburger Abendblatt. Darin schildert sie die ambivalenten Gefühle beim Besuch in der Stadt, in der sie aufgewachsen war und zu der sie sich zugehörig gefühlt hatte, bis sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft gewaltvoll aus ihr vertrieben wurde. Auf die Frage, ob sie sich wieder dauerhaft in ihrer Geburtsstadt niederlassen wolle, fand sie deutliche Worte. Wenn sie sich auch vorstellen könne, Hamburg nochmals zu besuchen, so komme eine langfristige Rückkehr für sie nicht in Betracht. Der Artikel Berges’ steht stellvertretend für zahlreiche Exilierte, deren Karriere und Lebensweg ein abruptes Ende gefunden hatten. Doch auch nachdem die Fluchtursachen weggefallen waren, so macht Berges’ Schlussfolgerung deutlich, war eine Heimkehr und ein Wiederaufnehmen dieser abgerissenen Fäden nicht ohne Weiteres möglich. Vielmehr wirkte das Exil fort und fand mit dem Kriegsende 1945 kein Ende.

  • Jasmin Centner

Grete Berges: Vergessene Kulturvermittlerin zwischen Deutschland und Schweden


1895 wurde Gretchen Berges in Hamburg geboren, wo sie im Stadtteil Eppendorf aufwuchs. Dies sollte ebenfalls der Schauplatz ihres ersten Kinder- und Jugendbuches „Liselott diktiert den Frieden“ werden. Bis zu dessen Publikation 1932 arbeitete sie zunächst als Fremdsprachenkorrespondentin, dann in einem Verlag und schließlich als Journalistin. Seit 1928 war sie für die Nordische Rundfunk Aktiengesellschaft in Hamburg, kurz Norag, tätig. Mit der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ 1933 wurde die Sendeanstalt in Reichssender Hamburg umbenannt und bereits im April desselben Jahres gleichgeschaltet. Als Folge verlor Berges aufgrund ihrer jüdischen Herkunft ihre Anstellung. Der Entzug ihrer Existenzgrundlage durchkreuzte Berges’ Pläne, eine Fortsetzung ihres Romans zu verfassen und weiterhin journalistisch tätig zu sein. Nach fehlgeschlagenen Bemühungen um ein Visum für die USA floh Berges 1936 nach Kopenhagen. Mithilfe der schwedischen Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf erhielt Berges schließlich 1937 eine Aufenthaltsgenehmigung für Schweden. In Stockholm, wo sie bis zu ihrem Tod lebte, baute sie sich eine Literaturagentur auf – eine Arbeit, die sie selbst als „Emigrationsberuf“ bezeichnete. Schreiben von Grete Berges an das Hamburger Amt für Wiedergutmachung, 9.3.1956, in: Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz Hamburg, Akte zu Grete Berges, zit. n. Wilfried Weinke, „Der Weg zurück ist mir unmöglich.“ Die Kinderbuchautorin, Übersetzerin und Literaturagentin Grete Berges, in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 95 (2009), S. 81. Mit dieser Tätigkeit versuchte sie, sich für die Vermittlung anderer exilierter Schriftstellerinnen und Schriftsteller einzusetzen, etwa Hildegard Johanna Kaesar, Pipaluk Freuchen und Gertrud Isolani. Zudem verdingte sie sich als Übersetzerin schwedischer Autorinnen und Autoren für den Schweizer und deutschen Buchmarkt. Zugleich hielt sie im schwedischen Radio Vorträge über deutsche Kulturgeschichte und berichtete in der deutsch-jüdischen Exilzeitschrift Aufbau mit Sitz in New York über das kulturelle Leben in Schweden. Trotz ihrer Arbeit als Kulturvermittlerin zwischen Schweden und Deutschland muss sie heute zu den „vergessenen Schriftstellerinnen zählen“, wie Wilfried Weinke in einem der wenigen Artikel über Grete Berges formuliert. Weinke, „Der Weg zurück ist mir unmöglich.“, S. 70. Berges’ hier nachgezeichnete Lebensstationen verraten viel über die sie umgebenden zeithistorischen Verhältnisse: Ungeachtet ihrer Bedeutung für Hamburgs Kultur- und Literaturlandschaft wurde ihr im Zuge der NS-Politik die Zugehörigkeit zu ihrer Geburtsstadt nach und nach aberkannt. Einflussreiche Kulturinstitutionen wie der NDR schützten ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jüdischer Herkunft nicht, sondern verschrieben sich sehr früh der nationalsozialistischen Ideologie.

Rückkehr aus dem Exil: Hindernisse und Schwierigkeiten


Etwa 500.000 Menschen wurden zwischen 1933 und 1945 aus Deutschland vertrieben. Den Großteil dieser Gruppe bildeten mit 85–95 Prozent jene Exilantinnen und Exilanten, die von der NS-Politik als Jüdinnen und Juden verfolgt wurden. Genaue Zahlen sind nur schwer zu rekonstruieren, es wird aber davon ausgegangen, dass lediglich circa 30.000 Menschen, bzw. vier bis fünf Prozent der Vertriebenen, nach Deutschland zurückkehrten. Die Gründe für die nur sehr selten vollzogene Remigration sind zahlreich. In ihrem Artikel umschreibt Grete Berges diese schemenhaft als „Geister der Vergangenheit“, deren unmögliche Bannung sie daran hindere, wieder in Hamburg zu leben. In der Korrespondenz mit Walter A. Berendsohn benannte sie die Beweggründe für ihre ausbleibende Heimkehr konkreter. An den Begründer der deutschen Exilliteraturforschung, der ebenfalls aus Hamburg vertrieben worden war und sich in Schweden aufhielt, schrieb Berges im Januar 1944 über die Frage der Rückkehr: „Ich will warten, wie das deutsche Volk sich zu uns verhält, ob wir wirklich überhaupt wieder etwas zu sagen haben. Eher will ich mich nicht dazu drängen. Ich habe 33 den Umschwung mitten zwischen den Intellektuellen, im Brennpunkt, im Rundfunk, mit einer solchen Schärfe erlebt, lieber Herr Professor, ich kann nicht einfach wieder da anfangen, wo ich aufgehört habe. Wie Nelly Sachs, die feine Lyrikerin, so schön sagt, es liegen doch Gräber dazwischen!“ Brief von Grete Berges an Walter A. Berendsohn, 28.1.1944, in: Deutsches Exilarchiv 1933–1945 in Frankfurt am Main, Eb 54b/7. Auch antizipierte Berges in diesem Schreiben bereits die ablehnende Haltung des deutschen Kulturbetriebs gegenüber zurückkehrenden Exilantinnen und Exilanten. Anstatt den Vertriebenen eine wesentliche Rolle beim Wiederaufbau demokratischer Verhältnisse im kriegszerstörten Deutschland einzuräumen, wurden diese in den meisten Fällen ein weiteres Mal marginalisiert. Hinzu traten institutionalisierte und bürokratische Widerstände gegenüber Rückkehrwilligen. Den zähen und widerwillig erteilten Wiedergutmachungsverfahren, die in Ton und Gebaren vielfach an die nationalsozialistische Verwaltung erinnerten, stand ein vereinfachtes Verfahren für deutsche Kriegsheimkehrer gegenüber. Diese erneute Diskriminierung und Benachteiligung vormals Vertriebener traf auch Berges, die sich mehr als zehn Jahre um finanzielle Entschädigung bemühte. In einem Schreiben an das Hamburger Amt für Wiedergutmachung fragt sie im April 1956: „Warum müssen wir so viel nachweisen, genügt es nicht, daß wir Juden unserer Stellung durch Hitler beraubt sind? Wegen Kriegsverbrechen verurteilte SS-Generäle bekommen doch nach dem Gesetz ohne weiteres Versorgung []. Sie müssen verstehen, dass man nach dem namenlosen seelischen Leid, den materiellen u. anderen Schwierigkeiten, schon zu einer Zeit, da viele Deutsche im 3. Reich sehr gut lebten u. sich den Dreck um uns kümmerten [] innerlich verbittert wird, wenn man so um etwas Hilfe in älteren Tagen [] bitten und betteln muß.“ Schreiben von Grete Berges an das Hamburger Amt für Wiedergutmachung, 21.4.1956, in: Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz Hamburg, Akte zu Grete Berges, zit. n. Weinke, „Der Weg zurück ist mir unmöglich.“, S. 89. Kurze Zeit darauf, im Januar 1957, verstarb Grete Berges in Schweden und damit in dem Land, das ihr Exil gewährt hatte.

Die Verstetigung des Exils


Die oben genannten Gründe hielten die Schriftstellerin Berges auch nach dem offiziellen Wegfall der Fluchtursachen mehr als acht Jahre davon ab, ihrer Geburtsstadt auch nur einen Besuch abzustatten. Selbst in der für die Hamburger Öffentlichkeit bestimmten Beschreibung ihres ersten Wiedersehens mit Hamburg, von dem der Artikel im Hamburger Abendblatt Zeugnis ablegt, drückte sie ein deutliches Unbehagen angesichts ihrer Rückkehr aus. Unheimlich war ihr zumute beim Anblick des einst Bekannten. Sie beschrieb, dass sie im Moment des Zurückkehrens von Erinnerungen an ihr früheres Leben bestürmt wurde. Wenn im Artikel auch ausgespart, beschränken sich diese Erinnerungen sicherlich nicht nur auf die Zeit ihrer unbeschwerten Kindheit und Jugend, sondern schließen zudem Verfolgung, Angst und Flucht mit ein. Auch die Erfahrung der Exilierung und die Verbrechen der Nationalsozialisten, deren Folgen sich, wie Berges schilderte, zum Teil ins Stadtbild eingeprägt hatten, waren noch allzu gegenwärtig. Trotz der ebenfalls präsenten Wiedersehensfreude, die sie als Gefühl der „Wohlvertrautheit und [des] Wiedererkennen[s]“ beschrieb, ließ sich dieser fundamentale Bruch nicht mehr überbrücken und entsprechend konnte Berges hinter die Erfahrung des Exils nicht mehr zurücktreten: „Ob ich wieder in der Vaterstadt leben möchte? Der Weg zurück ist mir unmöglich. [] Die Geister der Vergangenheit lassen sich nicht völlig bannen.“ Für sie war es „nicht mehr dasselbe Hamburg“, vielmehr überwog ein Gefühl der Befremdung gegenüber der Stadt ihres „Ursprungs“, die ihr nunmehr „gespenstisch“ erschien. Der Artikel schließt mit Grete Berges optimistischem Versprechen, Hamburg nochmals besuchen zu wollen – ein Versprechen, das sie nicht einhalten wird. Vier Jahre nach dieser ersten, nur wenige Tage andauernden Rückkehr verstarb die Schriftstellerin, Übersetzerin und Kulturvermittlerin ohne ihre Geburtsstadt ein weiteres Mal gesehen zu haben.

Auswahlbibliografie


Grete Berges, Liselott diktiert den Frieden. Eine Geschichte mit heiteren Zwischenfällen, Stuttgart u.a. 1932.
Ursula Büttner, Schwierige Rückwanderung nach Hamburg. Wie Briten und Deutsche den jüdischen Flüchtlingen im Wege standen, in: Irmela von der Lühe / Axel Schildt / Stefanie Schüler-Springorum (Hrsg.), „Auch in Deutschland waren wir nicht wirklich zu Hause.“ Jüdische Remigration nach 1945, Wallstein 2008, S. 40–68.
Marita Krauss, Heimkehr in ein fremdes Land. Geschichte der Remigration nach 1945, München 2001.
Helmut Müssener, Exil in Schweden. Politische und kulturelle Emigration nach 1933, München 1974.
Wilfried Weinke, „Der Weg zurück ist mir unmöglich.“ Die Kinderbuchautorin, Übersetzerin und Literaturagentin Grete Berges, in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 95 (2009), S. 69–89.

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Zur Autorin

Jasmin Centner (geb. 1988), M.A., ist Mitglied der Walter A. Berendsohn Forschungsstelle für deutsche Exilliteratur. In ihrer im Januar 2020 eingereichten Promotion arbeitete sie zu Narrativen der Rückkehr im Kontext von Gewalt und Vertreibung. 2019 war sie Visiting Researcher an der NYU und der Yale University. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Exilliteratur, deutsch-jüdische Literatur sowie Lagerliteratur. Aktuelle Publikationen: Der Völkermord an den Sinti und Roma bei Johannes Bobrowski und Erich Hackl, in: KulturPoetik 19 (2019) 2, S. 276–301; Rückkehr aus dem Exil als Paradigma transnationaler Literatur (mit Doerte Bischoff), in: Handbuch Literatur & Transnationalität. Berlin 2019, S. 416–428; Odysseus als mythische Identifikationsfigur in Primo Levis „Atempause“, in: helden. heroes. héros 5 (2017) 1, S. 59–69.

Zitationsempfehlung und Lizenzhinweis

Jasmin Centner, Das Nachleben des Exils. Die Rückkehr der Kinderbuchautorin Grete Berges, in: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, 22.12.2020. <https://dx.doi.org/10.23691/jgo:article-264.de.v1> [17.09.2021].

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