Der Erweiterungs-Neubau (1928–1931) des Israelitischen Krankenhauses in Hamburg

Harro Jenss

Quellenbeschreibung

Der Modellentwurf (Abb.) für den Erweiterungsbau des Israelitischen Krankenhauses (IK) in Hamburg spiegelte 1928 gleichsam Ergebnis und Höhepunkt einer höchst erfolgreichen Entwicklung seit der Einweihung des Krankenhauses 1843 wider. In der Gründungs- und Planungsphase seit 1839 hatte Salomon Heine neben der Hospitalkommission Ärzte zu Rate gezogen, die in Paris und London in Spitälern Erfahrungen gesammelt hatten, um für den Bau und das Krankenhauskonzept die neuesten Erkenntnisse der Medizin berücksichtigen zu können. So entstand ein für die damaligen Verhältnisse fortschrittlicher Krankenhausbau. 88 Jahre nach dessen Einweihung steht der Entwurf für die große Erweiterung des Krankenhauses für die Innovationsbereitschaft der in jener Zeit handelnden Akteure, insbesondere des entscheidenden Krankenhaus-Kuratoriums. In diesem waren neben dem Vorsitzenden Dr. Fritz Warburg, Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Hamburgs, die leitenden Ärzte der Chirurgischen und Medizinischen Klinik sowie die Oberin vertreten. Die Qualität der medizinischen und pflegerischen Betreuung im Israelitischen Krankenhaus hatte in den 1920er-Jahren kontinuierlich zu einem starken Anwachsen der Patientenzahlen geführt. Die bisherige Bettenkapazität war ausgelastet. Hinzu kamen der rasch voranschreitende medizinische Fortschritt und notwendige Neuerungen, die eine Modernisierung und Umstrukturierung innerhalb des Krankenhauses notwendig machten. Die Fotografien des Modellentwurfes für den Erweiterungsbau wurden zufällig im Kontext von Recherchen zur 175-jährigen Geschichte des Israelitischen Krankenhauses in den Akten des Hamburger Medizinalkollegiums im Staatsarchiv Hamburg entdeckt.

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Pläne für einen Neubau


Es waren vor allem die Aktivitäten und das Organisationstalent des Chirurgen Professor Dr. Richard Levy (1882–1933), die die Pläne für den Bau eines großen neuen Krankenhausgebäudes im bisherigen Garten des Israelitischen Krankenhauses forcierten. Levy war in der Chirurgischen Universitätsklinik Breslau ausgebildet worden und seit 1924 am Israelitischen Krankenhaus tätig. Fortschrittlich denkend und an der modernen Entwicklung orientiert warb er unermüdlich bei den Vertretern des Senats und den Medizinalbeamten für das Projekt und stellte im Namen des Israelitischen Krankenhauses den Antrag auf eine Baugenehmigung bei den zuständigen Behörden. Das Krankenhaus-Kuratorium beauftragte die Hamburger Architekten Hermann Distel und August Grubitz mit der Planung des Neubaus, in dem die Chirurgische Klinik einschließlich neuer Operationssäle untergebracht (111 Betten) und in dem zusätzlich Personalunterkünfte für 38 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geschaffen werden sollten. Ob ein Architekten-Wettbewerb für diesen Neubau ausgeschrieben wurde, ist bisher nicht dokumentiert. Hermann Distel – er hatte an der Technischen Hochschule in Stuttgart und Karlsruhe studiert – gründete 1905 gemeinsam mit August Grubitz in Hamburg ein Architekturbüro, das rasch bekannt wurde. 1908 gewann ihr Büro den Wettbewerb zum Bau des Vorlesungsgebäudes der Hamburger Universität. Neben zahlreichen anderen Hamburger Gebäuden wurde der Montanhof von den beiden Architekten entworfen. Distels Spezialgebiet war der Krankenhausbau. Bereits im Mai 1928 erfolgte der erste Spatenstich für den neuen Bau im rückwärtigen Krankenhausgelände an der heutigen Hein-Hoyer-Straße. Nach den Entwürfen wurde ein hochmoderner mehrgeschossiger Bau mit großzügigen Patientenzimmern und Fluren sowie Operationssälen nach neuestem Standard realisiert. Eine eigene Krankenwagenzufahrt für Notfallpatienten im Untergeschoss des neuen Gebäudes ermöglichte eine unkomplizierte Patientenaufnahme. Parallel erfolgten im alten Haupthaus Umbauten für die Medizinische Klinik. Zudem entwarfen Distel und Grubitz einen neuen futuristisch anmutenden Haupteingang mit einem halbkreisförmigen Vordach; der Eingang befand sich nun nicht mehr in der Gebäudemitte, sondern im Bereich des Ostflügels des Altbaus und unterschied sich in seiner Gestaltung deutlich von der bisherigen Bauarchitektur. Am 4.3.1931 wurde der Neubau eingeweiht. Das Israelitische Krankenhaus verfügte jetzt über insgesamt 225 Betten, die Krankenzimmer des Neubaus waren der ruhigen südlichen Gartenseite des Krankenhausgeländes zugewandt, zusätzlich waren die erwähnten neuen Personalunterkünfte entstanden.

Die Kosten für den Neubau, die Umbauten und das Inventar wurden zu einem kleinen Teil aus dem Krankenhausvermögen sowie durch Spenden, vor allem der Hamburger Bankiersfamilie Warburg, aufgebracht. Zur Deckung des Restbetrages erhielt die Krankenhausstiftung ein Darlehen über 1,25 Mio Reichsmark vom Hamburger Senat, dem an einer Fortentwicklung des Israelitischen Krankenhauses am Standort St. Pauli gelegen war. Das Krankenhaus einschließlich der angeschlossenen Poliklinik leistete einen wesentlichen Beitrag zur Versorgung ambulanter und stationärer Patienten im Stadtteil St. Pauli und genoss im gesamten Stadtgebiet Hamburg und darüber hinaus wegen des hohen Niveaus der ärztlichen und pflegerischen Betreuung einen hervorragenden Ruf. Die Krankenhaus-Stiftung verpflichtete sich zu jährlichen Zins- und Tilgungszahlungen, außerdem wurde eine Sicherungshypothek zugunsten des Staates für das Krankenhausgrundstück im Grundbuch eingetragen. Mit der Eröffnung des Neubaus stiegen die Patientenzahlen deutlich an, im Jahr 1931 wurde ein Höchststand für die Verpflegungstage erreicht. Die Erwartungen, die das Krankenhaus-Kuratorium mit dem Erweiterungsbau und der Modernisierung verbunden hatte, erfüllten sich vollständig.

Ein Rückblick – die Anfänge


Der Fortschritt, den der Erweiterungsbau im Jahre 1928 symbolisierte, ist in seiner Bedeutung und in seinem Umfang nur aus dem historischen Kontext der bewegenden Entwicklung des Krankenhauses seit den Anfängen zu verstehen. 1839 stellte Salomon Heine der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg großzügige zweckgebundene Geldmittel zur Verfügung: mit dieser Spende wurde der Bau eines eigenen Krankenhauses der Gemeinde möglich. Das für die damalige Zeit moderne Gebäude – 1843 eingeweiht und für 80 bis 100 Betten ausgelegt – stand allen Patienten unabhängig von ihrer Konfession offen. Dieser Grundsatz war in den Fundamentalbestimmungen ausdrücklich formuliert; diese waren den Statuten des Krankenhauses, die ein dezidiertes Regelwerk enthielten, vorangestellt. Das Jahr 1865 stellte eine erste wesentliche Zäsur dar, weil mit der Schenkung eines großen Geldbetrages für das Krankenhaus durch Salomon Heines Sohn, Beer Carl Heine, eine administrative Trennung zwischen der jüdischen Gemeinde und dem Israelitischen Krankenhaus verbunden war. In der Folge entstand eine eigene selbständige Krankenhaus-Stiftung, die von einem Krankenhaus-Kuratorium geleitet wurde. Während im Hospital zunächst pflegende Maßnahmen im Vordergrund standen, kam es während der Tätigkeit des Chirurgen Heinrich Leisrinks (1879–1885) zu einem Paradigmenwechsel: neue Erkenntnisse in der Medizin zogen eine neue Funktionsbestimmung des Hospitals nach sich. Nicht mehr die Versorgung bedürftiger und zu pflegender Menschen war das Ziel, sondern der differenzierten medizinischen Diagnostik und Behandlung kam zunehmende und bestimmende Bedeutung zu: das Spektrum der Operationen wurde erweitert und eine 1880 neu gegründete Poliklinik bot Sprechstunden durch Fachärzte verschiedener Spezialgebiete an. Damit antizipierte das Israelitische Krankenhaus zu einem sehr frühen Zeitpunkt eine Entwicklung, die in Deutschland zur damaligen Zeit erst ganz am Anfang stand. Aufgrund der Behandlungsmöglichkeiten, die das Israelitische Krankenhaus in Hamburg anbot, nahm die Zahl der ambulanten und stationären Patienten kontinuierlich zu. Im gleichen Zeitraum wurde eine erste Neuorganisation der Abläufe innerhalb des Hauses notwendig; seit 1880 garantierte erstmals ein Assistenzarzt eine permanente ärztliche Präsenz im Hause, er war jedoch noch gleichzeitig für die chirurgische und internistische Abteilung zuständig. Heinrich Leisrink war derjenige, der gezielt klinisch-wissenschaftlich arbeitete, neue operative Verfahren einführte, die Ergebnisse seiner chirurgischen Therapie dokumentierte, statistisch auswertete und publizierte. Er schuf damit eine Tradition, die bis heute im Israelitischen Krankenhaus fortgesetzt und gepflegt wird und die für ein Krankenhaus dieser Größenordnung ungewöhnlich ist: neben der klinischen Arbeit wissenschaftliche Aktivitäten zu ermöglichen. 1898 wurde mit Klara Gordon erstmals eine in der Krankenpflege ausgebildete Schwester eingestellt und ein prinzipieller Wandel in der Krankenpflege eingeleitet. Zur Sicherstellung einer fachlich qualifizierten Pflege erfolgte 1902 die Gründung einer Stiftung Israelitisches Schwesternheim, 1908 erhielt die eigene Krankenpflegeschule die staatliche Anerkennung. Hiermit war der Grundstein für einen relativ hohen Anteil an Fachkrankenschwestern gelegt – ein Element, das eine hohe pflegerische Qualität ermöglicht und neben der medizinischen Betreuung auf hohem Niveau zu dem exzellenten Ruf beiträgt, über den das Krankenhaus bis in die Gegenwart verfügt. Sowohl die Stiftung Israelitisches Schwesterheim, der Neubau eines eigenen Schwesternheims (1905) als auch bauliche Veränderungen und Erweiterungen des Krankenhauses, zum Beispiel der Bau eines Pavillons für Patienten mit Infektionserkrankungen 1901 oder der Poliklinik sind nicht denkbar ohne die großzügigen Spenden einer Vielzahl von Unterstützern: stellvertretend seien die Brüder Lewinsohn, James Loeb sowie Paul und Felix Warburg in New York, genannt. Das Zusammenwirken der Krankenhaus-Stiftung, die namhaften Zuwendungen der Unterstützer und vor allem das hohe Engagement und die Motivation aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben das Krankenhaus zu einer besonderen Institution werden lassen, in der das Leitmotiv Menschenliebe ist die Krone aller Tugenden als Orientierung über alle politischen, ökonomischen und technologischen Wandlungen hinweg unverändert gilt.

1933 als Zäsur in der (Erfolgs-)Geschichte


Die tiefe Zäsur und die grundsätzliche Umkehr der bisher so erfolgreichen Entwicklung des Israelitischen Krankenhauses erfolgte mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten im Januar 1933. Rasch wurde offensichtlich, dass sich die Patientenzahlen durch das Ausbleiben der „arischen“ Patienten drastisch verringerten – das Krankenhaus durfte nur noch jüdische Patienten behandeln. Bereits im April 1933 betrug die Bettenauslastung lediglich knapp 50 Prozent (der Anteil christlicher Patienten hatte in den Monaten zuvor noch bei etwa 75 Prozent, der der jüdischen Patienten bei 25 Prozent gelegen). Zudem wurde deutlich, dass die jährlichen Zins- und Tilgungszahlungen für den im Zusammenhang mit dem Erweiterungsbau aufgenommenen Kredit nicht geleistet werden konnten. Diesen Umstand nutzte der nationalsozialistisch dominierte Hamburger Senat, den Druck auf das Krankenhaus zu erhöhen. Da der Senat auf den finanziellen Forderungen beharrte, entstand für das Krankenhaus-Kuratorium ein unlösbares Dilemma. Das Israelitische Krankenhaus war in seiner Existenz zunehmend bedroht. Die Poliklinik, die eine ambulante spezialisierte Patientenversorgung ermöglichte, musste auf Anordnung der NS-Behörden geschlossen werden. Die weitgehende Reduktion des Krankenhausbetriebes war von den Nationalsozialisten politisch gewollt. Hinzu kam für das Krankenhaus ein personelles Problem: wegen der zunehmenden Entrechtung und Verfolgung der Juden und insbesondere nach dem Novemberpogrom 1938 flohen zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Krankenhauses in das Ausland. Im September 1939 musste das Krankenhaus auf Anordnung des Senates den Standort in St. Pauli verlassen und in die frühere Calmannsche Frauenklinik an der Johnsallee 68 umziehen, hier standen der stationären Versorgung der jüdischen Patienten maximal 50 Betten zur Verfügung. 1942 wurde ein abermaliger Umzug des Israelitischen Krankenhauses, jetzt in die Schäferkampsallee 29, verbunden mit einer weiteren Bettenreduktion auf 25, maximal 30 Betten, von den NS-Behörden erzwungen. Hier war bis zum Ende des Nationalsozialismus lediglich eine pflegerische und medizinische „Restversorgung“ möglich. Seit 1943 wurde das Krankenhaus nach der NS-Terminologie als „Jüdische Krankenstation“ geführt. Neben drei „Krankenbehandlern“, so mussten sich die jüdischen Ärzte seit dem 1.10.1938 bezeichnen, waren zwei Schwestern und drei Pfleger bis zum Mai 1945 tätig. Dennoch konnte das Israelitische Krankenhaus im Gegensatz zu vielen anderen jüdischen Krankenhäusern in Deutschland als Institution die nationalsozialistische Diktatur „überleben“ und wurde nach 1945 als Stiftung und Krankenhaus „wiederbelebt“.

Fazit


Die Einweihung des großen Neubaus für die Chirurgische Klinik 1931 war ein Meilenstein in der erfolgreichen Geschichte des Israelitischen Krankenhauses in Hamburg. Die Entscheidungen für die Krankenhauserweiterung waren geprägt von Innovationsbereitschaft und von der Hoffnung auf eine weitere positive Entwicklung, zumal das Krankenhaus – offen für Patienten aller Konfessionen – wegen der Qualität der medizinischen und pflegerischen Betreuung der Patienten in Hamburg einen exzellenten Ruf genoss. Für die jüdische Gemeinde Hamburgs stellte das Krankenhaus ein wichtiges Element ihrer anerkannt eigenständigen und unabhängigen Aktivitäten dar.

Auswahlbibliografie


Harro Jenss, Erinnerung an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Israelitischen Krankenhauses in Hamburg, die während der NS-Diktatur 1933–1945 vertrieben, deportiert oder ermordet wurden. Biographische Skizzen, Hamburg 2017 (2. Aufl. 2018).
Harro Jenss et al. (Hrsg.), Israelitisches Krankenhaus in Hamburg – 175 Jahre, Berlin 2016.
Mary Lindemann, 140 Jahre Israelitisches Krankenhaus in Hamburg, Hamburg 1981.
Peter R. Pawlik, Von Bergedorf nach Germania. Hermann Distel 1875-1945. Ein Architektenleben in bewegter Zeit, Studien zur Geschichte des Krankenhauswesens Bd. 47, Herzogenrath 2009.
Werner Hegemann (Hrsg.), Hermann Distel – Krankenhäuser, Hellerau 1932.

Zum Autor

Harro Jenss, Dr. med., Studium der Humanmedizin in Marburg und London. 1977 bis 1993 Medizinische Klinik der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, Internist und Gastroenterologe, 1994 bis 2011 Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin am Spital Waldshut/Südbaden. Forschungsinteressen sind unter anderem: jüdische Mediziner im Nationalsozialismus.

Zitationsempfehlung und Lizenzhinweis

Harro Jenss, Der Erweiterungs-Neubau (1928–1931) des Israelitischen Krankenhauses in Hamburg, in: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, 22.07.2019. <https://dx.doi.org/10.23691/jgo:article-256.de.v1> [24.08.2019].