Eine schwierige Rückkehr: Brief eines jüdischen Rückwanderers an den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Hamburg

Anna Koch

Quellenbeschreibung

Drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, am 13.9.1948, schrieb Heinrich Alexander, ein Berliner Jude, der den Krieg in der Emigration überlebt hatte, diesen Brief an den Vorsitzenden der Hamburger jüdischen Gemeinde. In seinem kurzen Schreiben erklärt er, dass er nicht in Berlin bleiben wolle und bat den Vorsitzenden der Hamburger Gemeinde, Harry Goldstein, ihm beim Wohnortwechsel nach Hamburg behilflich zu sein. Goldsteins Antwort erfolgte gut zwei Wochen später. In seinem Antwortschreiben erklärt Goldstein, dass er wegen der Wohnungsnot sowie der Schwierigkeit, eine Aufenthaltsgenehmigung für Hamburg zu erhalten, nicht in der Lage sei, ihm behilflich zu sein und bittet Alexander, seine Pläne zu überdenken. Beide Briefe befinden sich in der Sammlung des Hamburger Staatsarchivs (Sachbestand Jüdische Gemeinde nach 1945).

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Jüdische Rückwanderung


Die beiden kurzen Briefe schneiden mehrere Themen an, welche das jüdische Leben in Hamburg und Berlin in der Nachkriegszeit prägten und ermöglichen somit einen Einblick in einen ebenso ereignisreichen wie turbulenten Zeitabschnitt. Abgesehen von diesem Schreiben ist wenig über Heinrich Alexander bekannt, doch können er und sein Anliegen zu einem gewissen Grad als beispielhaft für die kleine Zahl der deutschen Juden angesehen werden, die sich nach 1945 zur Rückkehr aus dem Exil entschlossen. Heinrich Alexander, bei dem es sich sehr wahrscheinlich um den ehemaligen Inhaber des Berliner Möbelhauses „Möbel Alexander“ handelt, der vor seiner Emigration in der Saarbrücker Str. 10  Vgl. https://digital.zlb.de/viewer/image/34039536_1931_1932/123/ (zuletzt aufgerufen am 19.4.2018). wohnhaft war, gehörte zu den wenigen Juden, die sich für eine Rückkehr entschieden. Lediglich etwa vier Prozent der etwa 278.000 geflohenen deutschen Juden entschlossen sich nach 1945 zur Rückkehr. Unmittelbar nach dem Holocaust beobachteten die meisten Juden im Ausland den Wiederaufbau jüdischen Lebens in Deutschland äußerst kritisch. Wiederholte Verurteilungen der Rückkehr auf den „blutgetränkten deutschen Boden“ drängten diejenigen, die den Wunsch danach hegten dazu, ihre Entscheidung zu verteidigen. Wie die meisten Rückkehrer scheint auch Alexander sich dessen bewusst, dass seine Entscheidung ungewöhnlich war. Er rechtfertigt sie, indem er auf äußere Umstände verweist und erklärt, dass „klimatische Zustände [ihn] zwangen“.

Alexander bleibt hinsichtlich seines Exillandes vage. Er erwähnt, dass er im Mittleren Osten gelebt habe und weist auf raue klimatische Zustände hin, was darauf hindeutet, dass er aus Palästina / Israel zurückgekehrt war. Juden, die Palästina verließen, um nach Deutschland zurückzukehren, waren der Kritik durch andere Juden sowohl in Palästina / Israel als auch in Deutschland in besonderem Maß ausgesetzt. Sollte Heinrich Alexander tatsächlich im Frühjahr 1948 aus Palästina zurückgekehrt sein, also genau zum Zeitpunkt der Gründung eines jüdischen Staates, wäre es nicht verwunderlich, dass er es vermied, dies in seinem Brief zu erwähnen.

Das geteilte Berlin


Laut dieses Briefes wollte Alexander von Berlin nach Hamburg umsiedeln, in der Hoffnung, dass Hamburg ihm die Möglichkeit böte, seinen Exporthandel aufzubauen. Eventuell führte er seine Erfahrungen im Exporthandel auch gezielt an, um gerade für einen Umzug nach Hamburg Unterstützung zu erhalten. Abgesehen von den geschäftlichen Erwägungen erklärt er ohne ins Detail zu gehen, dass Berlin ihm „verleidet“ sei. Die Rückkehr an den Ort, an dem sie sich zuvor Diskriminierungen und der Verfolgung ausgesetzt gesehen hatten, erwies sich für viele jüdische Rückwanderer als schwierig. Für einige löste die Rückkehr in ihre ehemalige Heimatstadt traumatische Erinnerungen aus; die ehemalige Heimat stand nun nur noch für das Verlorene. Daher zogen sie es oft vor, sich an einem anderen Ort niederzulassen, selbst wenn sie sich dazu entschlossen hatten, wieder in Deutschland zu leben.

Zwar erwähnt Alexander es nicht explizit, doch könnten die politischen Entwicklungen in Berlin ebenfalls zu seinem Wunsch beigetragen haben, in die britische Besatzungszone umzusiedeln. Der Absenderadresse seines Briefes zufolge lebte Alexander im Westteil der Stadt, welcher im Herbst 1948 in Folge eines Konflikts zwischen den Westalliierten und der Sowjetunion über die Währungsreform von den Sowjets von der Versorgung abgeschnitten wurde. Den Westalliierten gelang es, die West-Berliner Bevölkerung durch Einrichtung der Luftbrücke zu versorgen. Als der einzige Ort, an dem alle vier Besatzungsmächte einander direkt gegenüberstanden, war Berlin einer der Brennpunkte im beginnenden Kalten Krieg, und zahlreiche Bewohner versuchten, die zerstörte und wirtschaftlich isolierte Stadt zu verlassen. Doch war der Umzug von einer Besatzungszone in eine andere schwierig, was erklärt, weshalb Alexander sich an die jüdische Gemeinde wandte, in der Hoffnung, von dort Unterstützung zu erfahren.

„Volljuden“


Vermutlich um sein Anliegen zu untermauern erwähnt Alexander kurz seine Arbeitserfahrungen, die er sowohl während der Emigration als auch vor dem Krieg gesammelt hatte. Im vorletzten Satz gibt er ohne weitere Ausführungen an: „meine Frau und ich sind Volljuden“. Nach dem Krieg benutzten überlebende Juden zur Selbstbeschreibung häufig die von den Nationalsozialisten eingeführten Begriffe rassistischer Kategorisierung wie „Volljude“, „Halbjude“ oder „Sternträger“. Für sie stellte dies eine einfache Art dar, ihre Erfahrungen des vorausgegangenen Jahrzehnts zu beschreiben sowie ihr Anrecht auf erhöhte Lebensmittelrationen zu legitimieren. Darüber hinaus wirft diese Kategorisierung auch ein Licht auf die umstrittene Frage des Jüdischseins in der jüdischen Gemeinschaft der Nachkriegszeit. Die Vorsteher der deutschen jüdischen Gemeinden betonten nach dem Holocaust generell eine religiöse Definition des Jüdischseins, mit der Folge, dass die Gemeinden Menschen jüdischer Abstammung abwiesen, die vor 1945 nicht in einer jüdischen Gemeinde registriert waren. Dies führte zu Debatten, insbesondere über den Status nicht jüdischer Partner und Kinder in sogenannten „Mischehen“. Indem er betont, dass sowohl er als auch seine Frau „Volljuden" seien, hebt Alexander sich von denjenigen Juden ab, die in einer „Mischehe“ überlebt hatten, und hoffte vermutlich, dass dies seiner Bitte um Umsiedlung Gewicht verleihen würde.

Wohnverhältnisse


Jedoch antwortete ihm der Vorsitzende der Hamburger jüdischen Gemeinde, Harry Goldstein, dass er nicht in der Lage sei, Alexander zu helfen. Im besetzten Deutschland von einer Stadt in einer andere umzuziehen, war nicht einfach, und Alexander würde, wie Goldstein ihm schreibt, eine Aufenthaltsgenehmigung für Hamburg benötigen, die wiederum schwierig zu erhalten sei. Zudem erklärt Goldstein, dass die Wohnverhältnisse derart schlecht seien, dass die Gemeinde höchstens in der Lage wäre, ihm ein Zimmer mit gemeinschaftlicher Küchennutzung zu organisieren. Angesichts der zu Ende des Krieges mindestens 14 Millionen obdachlos gewordenen Deutschen und der Zerstörung eines Großteils des vor dem Krieg existierenden Wohnungsbestandes erwies es sich in der Tat als schwierig, ein Haus oder eine Wohnung in bewohnbarem Zustand zu finden. In den Großstädten war die Situation besonders kritisch. So hatte die Bombardierung durch die Alliierten in Hamburg mehr als 50 Prozent des Wohnungsbestandes zerstört. Für die Juden war die Situation besonders schwierig. Die Nationalsozialisten hatten sie gewaltsam aus ihren Wohnungen ausgewiesen; selbst diejenigen, welche in „Mischehen“ überleben konnten, mussten gewöhnlich in ein sogenanntes „Judenhaus“ ziehen. Nach dem Krieg waren ihre ehemaligen Wohnungen entweder ausgebombt oder von Fremden belegt, und es fiel ihnen schwer, angemessene Wohnungen zu finden. Sie erhielten wenig Unterstützung seitens der deutschen Beamten und stießen bei der Wohnungssuche häufig auf Antisemitismus. Daher wandten sich viele von ihnen an die jüdischen Gemeinden, um von dort Unterstützung zu erhalten.

Die Korrespondenz endet mit Goldsteins Bedauern, dass er nicht weiterhelfen könne. Es ist nicht bekannt, ob es Heinrich Alexander gelang, nach Hamburg umzusiedeln oder ob er in Berlin blieb oder sich zur Umsiedlung an einen anderen Ort entschied. Doch die beiden Briefe geben Einblick in die unzähligen Schwierigkeiten, mit denen überlebende Juden nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland zu kämpfen hatten, indem sie sowohl soziale, politische, wirtschaftliche und persönliche Fragen berühren. Wie Alexander haderten auch andere Juden damit, ihre Rückkehr in das „Land der Täter“ zu rechtfertigen, waren wirtschaftlichen Schwierigkeiten und der Wohnungsnot ausgesetzt, und sahen sich in ihren ehemaligen Heimatstädten mit traumatischen Erinnerungen konfrontiert.

Auswahlbibliografie


Michael Brenner, After the Holocaust. Rebuilding Jewish Lives in Postwar Germany, Princeton (New Jersey) 1997.
Atina Grossmann, Jews, Germans, and Allies. Close Encounters in Occupied Germany, Princeton (New Jersey) 2007.
Anthony Kauders, Unmögliche Heimat. Eine Deutsch-Jüdische Geschichte der Bundesrepublik, München 2007.
Marita Krauss, Jewish Remigration. An Overview of an Emerging Discipline, in: Leo Baeck Institute Year Book 49 (2004), S. 107-119.
Paul Steege, Black Market, Cold War. Everyday Life in Berlin, 1946-1949, New York 2007.

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Zur Autorin

Anna Koch, Dr. phil., hat in den Fächern Hebräische und Jüdische Studien sowie Geschichte an der Universität New York promoviert. Zur Zeit ist sie Postdoc-Stipendiatin an der Fondation pour la Mémoire de la Shoah.

Zitationsempfehlung und Lizenzhinweis

Anna Koch, Eine schwierige Rückkehr: Brief eines jüdischen Rückwanderers an den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Hamburg (übersetzt von Insa Kummer), in: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, 11.07.2018. <https://dx.doi.org/10.23691/jgo:article-207.de.v1> [16.08.2018].

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