Salomo Birnbaums Erfahrungen an der Universität Hamburg

David Birnbaum

Quellenbeschreibung

Dieser auf den 12.7.1983 datierte Brief wurde von Salomo / Solomon A. Birnbaum an Peter Freimark in Hamburg geschrieben. Prof. Dr. Peter Freimark, damaliger Direktor des dortigen Instituts für die Geschichte der Juden in Deutschland, erforschte seinerzeit die Situation an der Universität Hamburg zur Zeit des Nationalsozialismus. Der Brief ist Teil einer Korrespondenz über Salomo / Solomon A. Birnbaums Erinnerungen aus dieser Zeit und über die Frage, inwiefern er mit Antisemitismus konfrontiert war.

Der Brief befindet sich im Nathan und Solomon Birnbaum Archiv in Toronto, Kanada. Die Sammlung des Archivs umfasst hauptsächlich Dokumente, Briefe und Bücher des jüdischen Denkers und Autoren Nathan Birnbaum und dessen Söhnen, dem Gelehrten Salomo / Solomon A. Birnbaum, dem Künstler Menachem Birnbaum und dem Künstler, Autoren und Dichter Uriel Birnbaum. Der Brief beschreibt Salomo / Solomon A. Birnbaums Erfahrungen während der Ausübung seines Jiddisch-Lehrauftrags an der Universität Hamburg von 1922 bis zur Machtübernahme Hitlers 1933.

Dr. Salomo / Solomon A. Birnbaum war ein international anerkannter Vorreiter in zwei Hauptfeldern: Jiddisch und hebräischer Paläographie. Seine „Praktische Grammatik der jiddischen Sprache‟ (1918), die erste wohlstrukturierte Grammatik des Jiddischen, wurde bis 1988 viermal neu aufgelegt. 1922 erhielt er einen Lehrauftrag für jiddische Sprache und Literatur an der Universität Hamburg – es war der erste Lehrauftrag für Jiddisch an einer Universität in Deutschland. Zu dieser Zeit gab es an der Universität zwei Wissenschaftler, die sich für Jiddisch interessierten, Dr. Conrad Borchling und Dr. Heinrich Meyer-Benfey, mithilfe ihrer Unterstützung konnte er den Lehrauftrag für Jiddisch erhalten. Im Mai 1933 flüchtete Birnbaum aus dem nationalsozialistischen Deutschland zunächst in die Niederlande und später nach London, wo er Professor für hebräische Paläographie und Jiddisch wurde. Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählen die „Praktische Grammatik‟, The Hebrew Scripts (1954-1971) und Yiddish: A Survey and a Grammar (1979; eine zweite Auflage wurde 2016 veröffentlicht).

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Freimarks Bitte an Birnbaum


In einem früheren Brief an Birnbaum vom 31.5.1983 schrieb Peter Freimark, dass er gebeten worden sei, einen Beitrag über die Geschichte der Judaistik für „ein umfangreicheres Werk zur Geschichte der Universität Hamburg zwischen 1933 und 1945‟ zu schreiben, welcher später als Kapitel mit dem Titel „Juden an der Hamburger Universität in dem Sammelband „Hochschulalltag im Dritten Reich: Die Hamburger Universität 1933-1945‟ erschien. In seinem Brief bat Freimark Birnbaum darum, ihm von seiner Zeit an der Universität zu berichten. Dabei fragte er nicht gezielt nach Antisemitismus, angesichts des Kontextes liegt es aber nahe, dass die Frage nach erlebtem Antisemitismus implizit mitschwang. Freimark fragte insbesondere, ob Birnbaum Kontakt zu Walter Windfuhr gehabt habe, „ein [...] evangelische[r] Theologe, der sich in den 30iger Jahren und auch nach 1945 in besonderer Weise mit dem rabbinischen Judentum beschäftigte‟. Windfuhr spielte eine Rolle bei der Begutachtung beider Habilitationsschriften Birnbaums an der Hamburger Universität in den 1920er-Jahren.

Birnbaums Erfahrungen an der Universität Hamburg


In diesem Brief vom 12.7.1983 beschreibt Birnbaum einige Hintergründe der Jiddisch-Studien an der Universität sowie die Einreichung seiner beiden Habilitationsschriften an der Universität Hamburg, welche beide abgelehnt wurden.

Seine erste Habilitationsschrift reichte er 1926 ein, sie trug den Titel „Die moderne hebräische Poesie. Form und Inhalt‟. Freimark schreibt, dass von den fünf Mitgliedern der Habilitationskommission der Universität drei (einschließlich des bereits erwähnten Windfuhr) die Befürwortung des Habilitationsgesuchs empfahlen, ein Mitglied, nämlich Carl Meinhof, die schlechte „wissenschaftliche Arbeitsweise‟ beklagte und ein anderer, Rudolf Strothmann, dem Gesuch entschieden widersprach, indem er „weltanschauliche (ideologiekritische) Gründe‟ anführte. Die Kommission konnte sich nicht einig werden, und Birnbaum musste seine Habilitationsschrift „provisorisch‟ zurückziehen.

1929 reichte Birnbaum eine gänzlich neue Habilitationsschrift ein, diesmal mit dem Titel „Die nordjüdischen Kursivschriften. Eine Studie zur hebräischen Buchstabengeschichte‟. Es handelte sich um eine Pionierstudie zur hebräischen Paläographie, die dennoch unveröffentlicht blieb. Diese Arbeit war das erste Ergebnis seiner Forschungen auf dem Gebiet, in dem er später zu einem anerkannten weltweiten Experten werden sollte. Keines der Mitglieder des Habilitationskomitees verfügte über Fachwissen auf dem Gebiet. Laut Freimark sprachen sich sechs Mitglieder des Komitees deutlich für die Befürwortung aus während ein Mitglied, Hans Reichelt, sich entschieden dagegen wandte. Freimark nahm an, dass er dies aus antisemitischen Motiven tat. In den Anmerkungen zu seinem Kapitel in „Alltag‟ schreibt Freimark, dass davon ausgegangen werden könne, dass Reichelt Nationalsozialist war, seit er 1939 zum Kanzler der Universität Graz ernannt worden war. Darüber hinaus bemerkt Freimark in einem Brief an Birnbaum vom 29.8.1984, „dass Reichelt nach seiner Rückkehr nach Graz ja auch den neuen braunen Machthabern zugejubelt hat.‟ Walter Windfuhr schrieb ein sehr zweideutiges Gutachten. Dies war umso überraschender, als Windfuhr 1924 um Birnbaums Erlaubnis gebeten hatte, dessen Vorlesungen besuchen zu dürfen und ihn 1929 um fachliche Unterstützung gebeten hatte, demnach also seine wissenschaftliche Arbeit durchaus schätzte. Freimark vermochte nicht zu klären, weshalb Windfuhr ein derart zweideutiges und schädigendes Gutachten geschrieben hatte. Rainer Hering hat inzwischen gezeigt, dass Windfuhr bereits seit 1919 öffentlich antisemitische Ansichten geäußert hatte. Auch diesmal war Birnbaum gezwungen, seine Habilitationsschrift zurückzuziehen.

Birnbaum und seine Kollegen


In seiner Darstellung schrieb Freimark, es sei überraschend, dass Birnbaum nicht verbittert darüber sei, was ihm widerfahren war, „sondern sich dankbar der Kollegen erinnert‟. „Ich wusste keine Namen, noch weniger die Stellungnahme der Einzelnen oder die Ansichten und Argumente‟, schrieb Birnbaum am 18.12.1983. Es wird also deutlich, dass Birnbaum zwar vermutet haben mag, dass Antisemitismus eine Rolle bei den beiden Ablehnungen gespielt hatte, doch waren es erst Freimarks Untersuchungen der beiden Habilitationsverfahren, welche ans Licht brachten, dass die Vorbehalte gegen Birnbaum wahrscheinlich auf die antisemitische Einstellung einiger Kommissionsmitglieder zurückzuführen war. In jedem Fall ist Birnbaums Ton in der Beschreibung seiner Erfahrungen mit Windfuhr äußerst sarkastisch.

Wenn Birnbaum sich an die Unterstützung durch seine Kollegen erinnert, bezieht er sich vermutlich auch auf die Unterstützung, die er Anfang 1933 für sein geplantes Institutum Germano-Judaicum (später Institutum Ascenezicum) für jiddische Sprachforschung und andere aschkenasische Studien erfuhr. 60 Gelehrte, hauptsächlich aus der Germanistik oder verwandten sprachwissenschaftlichen Feldern, die Birnbaum gezielt ausgewählt hatte, weil sie nichtjüdisch waren, sprachen ihre Unterstützung aus, viele von ihnen schrieben selbst im März 1933 noch „Briefe, die ihre vollste Zustimmung der Idee bekundeten‟, und dies obwohl eine Reihe von ihnen überzeugte Nazis waren. 1964 lud Walter Röll, der zu dieser Zeit an der Universität Hamburg lehrte, Birnbaum ein, dort wieder Lehrveranstaltungen zu geben. Birnbaum war jedoch nicht in der Lage, die Einladung anzunehmen. Röll war es auch, der maßgeblich dafür verantwortlich zeichnete, dass Birnbaum 1986 im Alter von 95 Jahren von der Universität Trier ein Ehrendoktortitel verliehen wurde. Der Präsident der Hamburger Universität schickte Birnbaum 1971 und 1986 Gratulationsschreiben zu seinem 80. und 95. Geburtstag. Nach 50 Jahren schloss sich so der Kreis.

Birnbaum selbst sagte, er habe in seiner Zeit an der Universität Hamburg, soweit es ihm zu der Zeit bewusst war, sehr wenig Antisemitismus erlebt. Doch der Nationalsozialismus verbreitete sich sehr schnell. So schreibt er in seinem Brief (S. 3): „in Deutschland war kein Platz mehr für Juden‟. Ein Brief vom Dekan der philosophischen Fakultät, Küchler, vom 18.5.1933 besagt, dass Birnbaums Lehrveranstaltung im nächsten Semester gestrichen sei, da sich keine Studierenden dafür angemeldet hätten. Zu diesem Zeitpunkt befand sich Birnbaum bereits in Rotterdam.

Auswahlbibliografie


Peter Freimark, Juden an der Hamburger Universität, in: Eckart Krause u. a. (Hrsg.), Hochschulalltag im Dritten Reich. Die Hamburger Universität 1933-1945, Berlin / Hamburg 1991, S. 125-147.
Rainer Hering, Sprache und Kultur des Judentums, in: Nationalismus - Walter Windfuhrs Lehrtätigkeit an der Hamburger Universität, in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte, 80 (1994), S. 141-151.
Salomo / Solomon A. Birnbaum, Institutum Ascenezicum, in: Erika Timm / Eleazar Birnbaum / David Birnbaum (Hrsg.), Salomo A. Birnbaum: Ein Leben für die Wissenschaft / A Lifetime of Achievement. Bd. 1, Berlin / Boston 2011, S. 297-304.

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Zum Autor

David Birnbaum ist seit 1989 Leiter des Nathan und Salomon Birnbaum Archivs in Toronto und hat in dieser Funktion verschieden Publikationen veröffentlicht. Er wurde als jüngster Sohn von Salomo Birnbaum in London 1933 geboren und hat an der Londoner Universität Architektur und Stadtplanung studiert. In beiden Berufsfeldern war er vor seiner Tätigkeit als Archivdirektor in England und Kanada tätig.

Zitationsempfehlung und Lizenzhinweis

David Birnbaum, Salomo Birnbaums Erfahrungen an der Universität Hamburg (übersetzt von Insa Kummer), in: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, 22.08.2018. <https://dx.doi.org/10.23691/jgo:article-206.de.v1> [25.09.2018].

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