„Gegen das Vergessen“ – Filmische Erinnerung in „Der Rosengarten“

Lea Wohl von Haselberg

Quellenbeschreibung

Das Prädikatsgutachten der Filmbewertungsstelle Wiesbaden für den Film „Der Rosengarten“ stammt aus dem Arthur Brauner Archiv des Deutschen Filminstituts Dif e. V. / Frankfurt am Main. Es wurde auf Antrag am 24.4.1990 ausgestellt. Neben technischen Daten des Films, wie Länge (3080 m), Laufzeit (113 min), Filmformat (35 mm) oder Sprache (deutsch), gibt das Dokument die CCC-Filmkunst GmbH als Produktionsfirma an. An sie ist das Schreiben auch adressiert. Laut Gutachten wurde dem Spielfilm das Prädikat „besonders wertvoll“ mit einem internen Abstimmungsverhältnis von 4:1 mit unbefristeter Gültigkeit verliehen. Der Film wird als Problemfilm beschrieben und mit den Schlagworten „Vergangenheitsbewältigung“, „Schuld und Sühne“, „Judenverfolgung“, „dt. Justiz“, „engagiert“ und „zeitkritisch“ versehen. In der Begründung werden nach einer kurzen inhaltlichen Zusammenfassung vor allem die schauspielerischen Leistungen sowie die Figurenentwicklung und die Situationsschärfe des Films hervorgehoben, die sich auch im Zusammenspiel von Bild und Ton zeigten. Zusätzlich wird die Bedeutung des Films mit dem Zeitpunkt seiner Entstehung begründet, der mit der Wiedervereinigung Deutschlands Gründe für ein neues geschichtliches Nachdenken über das eigene Land mit sich bringe. Das Dokument kann einerseits als Quelle für erinnerungskulturelle Konjunkturen gelesen werden und verweist andererseits mit der Geschichte des in Hamburg und Frankfurt gedrehten Spielfilms auf die Ereignisse in der Schule am Bullenhuser Damm in Hamburg.

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„Filme gegen das Vergessen“


Artur Brauner, der mit seiner Produktionsfirma CCC-Filmkunst GmbH als Produzent für „Der Rosengarten“ verantwortlich ist, kommt in der filmischen Auseinandersetzung mit Holocaust und Nationalsozialismus in der Bundesrepublik eine zentrale Rolle zu: Selbst Holocaust-Überlebender, produziert er seit 1948 Filme, die die Erinnerung der nationalsozialistischen Verbrechen und ihrer Opfer zum Ziel haben. Regie führte bei „Der Rosengarten“ der niederländische Regisseur Fons Rademakers. Gedreht wurde auf Englisch und die Hauptrollen sind mit den Schauspielern Maximilian Schell und Liv Ullmann besetzt. In weiteren Rollen sind unter anderem Hanns Zischler und Peter Fonda zu sehen. Zum Zeitpunkt der Begutachtung durch die Filmbewertungsstelle Wiesbaden war „Der Rosengarten“ noch ohne Verleih, später wurde er vom Filmverlag der Autoren verliehen und startete, nach seiner Uraufführung am 20.12.1989 in Los Angeles, am 15.11.1990 in den deutschen Kinos. Neben dem Prädikatsgutachten wurde „Der Rosengarten“ 1990 für den deutschen Filmpreis nominiert und Liv Ullmann erhielt für ihre Hauptrolle eine Golden Globe-Nominierung. Trotz der Anerkennung, die das Prädikat der Filmbewertungsstelle Wiesbaden darstellt, erhielt der Film mittelmäßige Kritiken und konnte keine besonderen Einspielergebnisse an den Kinokassen erzielen.

„Der Rosengarten“ gehört zu den Filmen Artur Brauners, die er als „Filme gegen das Vergessen“ bezeichnet. Im Laufe seiner Arbeit als Filmproduzent, in der er vor allem Unterhaltungsfilme produzierte, entstanden über 20 solcher Filme, die an die nationalsozialistischen Verbrechen erinnern sollen. Dieses Engagement für Erinnerung und Gedenken zieht sich durch das gesamte Schaffen Brauners. Charakteristisch für diese Filme ist der Versuch, Erinnerung und Unterhaltung zu verbinden. Dass Brauner sie auch entgegen wirtschaftlicher Überlegungen produzierte, zeigt, dass sie ihm ein persönliches Anliegen waren und sind. 21 dieser Filme wurden 2009 in die digitale Mediathek der Gedenkstätte Yad Vashem aufgenommen, unter ihnen „Der Rosengarten“. Doch bei weitem nicht immer wurde diesen Bemühungen Brauners die Anerkennung zuteil, die „Der Rosengarten“ in Form des Prädikats der Filmbewertungsstelle Wiesbaden erhielt. Im Gegenteil: Artur Brauners Filme zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust fielen regelmäßig bei Kinopublikum und Filmkritik durch. Als er beispielsweise in den 1990er-Jahren Oskar Schindlers Biographie verfilmen wollte, konnte er die deutsche Filmförderung nicht von dem Stoff überzeugen.

„Der Rosengarten“ – Film und historischer Kontext


Der Film erzählt die Geschichte des jüdischen Holocaust-Überlebenden Aaron Reichenbach (Maximilian Schell), der nach Deutschland zurückkehrt. Am Frankfurter Flughafen erkennt er den KZ-Kommandanten Arnold Krenn wieder und schlägt diesen nieder. Er wird verhaftet und die Anwältin Gabriele Freund (Liv Ullmann) übernimmt vor Gericht die Verteidigung des völlig verwirrten und verstörten Reichenbachs. Auf sich allein gestellt, versucht sie, seine Geschichte zu rekonstruieren. Mit Hilfe des Journalisten Georg Pässler (Jan Niklas) findet sie heraus, dass Krenn an der Ermordung von 20 jüdischen Kindern in einer Schule in Hamburg beteiligt war, darunter Aaron Reichenbachs Schwestern. Es stellt sich heraus, dass Ruth, eine der beiden Schwestern Reichenbachs, überlebte. Bruder und Schwester sehen sich nun über 40 Jahre später im Gerichtssaal wieder. Doch die Verhandlungen gegen Krenn bleiben wegen seiner (vermeintlichen) Verhandlungsunfähigkeit ergebnislos. Er wird freigesprochen. Der Film endet mit folgenden Texteinblendungen:
This story is fully fictitious, but resemblance to persons dead or alive is no coincidence
The killing of the children at Bullenhuser Road actually took place
The commanding officer in charge of the camp on Bullenhuser road was declared
permanently unfit to stand trial by a Hamburg court in 1985
The proceedings against him were therefore halted, proceedings that had already been
halted once in 1967
The reasoning of the Hamburg prosecutor at the time went as follows …
‘The investigation has failed to provide sufficient evidence that undue pain was inflicted
on the children before they died …
Except for the termination of their lives, no further harm was done to them. They
especially did not have to suffer physically and mentally for very long.’

Damit bezieht sich „Der Rosengarten“ auf realhistorische Ereignisse: Zum einen auf die Geschehnisse in der Schule am Bullenhuser Damm 92-95 in Hamburg-Rothenburgsort, wo in der Nacht vom 20. auf den 21.4.1945 20 jüdische Kinder erhängt wurden. Sie waren zuvor Opfer medizinischer Versuche in Neuengamme geworden und wurden im Zuge der Lagerräumung in der als Nebenlager fungierenden Schule ermordet. Zum anderen auf die juristische Verfolgung der Täter, die in zwei Verfahren (1967 und 1985) erfolglos blieb und beispielhaft für das Versagen der westdeutschen Justiz in der Verfolgung von Nazi-Tätern ist. „Der Rosengarten“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Paul Hengge und den Recherchen des Journalisten Günther Schwarberg. Schwarberg initiierte die Aufarbeitung der Geschehnisse in der Schule am Bullenhuser Damm, an ihn ist die Figur des Journalisten Pässler im Film angelehnt.

Im Rahmen der Aufarbeitung der Geschehnisse fand 1986, veranstaltet von der Vereinigung „Kinder vom Bullenhuser Damm“ und unter Vorsitz des ehemaligen Verfassungsrichters Martin Hirsch, ein internationales Tribunal in der Schule am Bullenhuser Damm statt, das zum Ziel hatte, über die Versäumnisse und Verzögerungen der Justiz aufzuklären. Anlass war die Nichtverurteilung Arnold Strippels, eines der Mittäter am Kindermord. Wenn im Film Aaron Reichenbach zu seiner Anwältin Gabriele Freund sagt, dass er ein Tribunal für Krenn wolle, dann ist das ein Verweis auf dieses Ereignis. Lea Rosh drehte darüber den Dokumentarfilm „Das Tribunal – Mord am Bullenhuser Damm“, der 1987 auf der Berlinale gezeigt und auch im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Der Titel „Der Rosengarten“ bezieht sich auf den Rosengarten, der in den 1980er-Jahren angrenzend an den Schulhof zum Gedenken an die ermordeten Kinder angelegt wurde.

Filmische Auseinandersetzung mit der NS-Zeit


Trotz Schwächen in der filmischen Erzählung ist „Der Rosengarten“ ein besonderes Beispiel für die filmische Auseinandersetzung mit dem Holocaust, nicht nur weil er die Morde vom Bullenhuser Damm und die Verfehlungen der Justiz einem breiteren Publikum bekannt macht, sondern auch, weil er in aller Deutlichkeit die psychische Versehrtheit und die Traumatisierung von Holocaust-Überlebenden zeigt. Über 20 Jahre vorher wurde dem ebenfalls von Brauner produzierten Film „Zeugin aus der Hölle“ (Arbeitstitel „Bittere Kräuter“) das Prädikat der Filmbewertungsstelle Wiesbaden nicht verliehen. In „Zeugin aus der Hölle“ steht ebenfalls eine als traumatisiert gezeigte, jüdische Holocaust-Überlebende im Mittelpunkt, die, von einem Anwalt und einem Journalisten flankiert, als Zeugin an einem Prozess gegen einen NS-Arzt aussagen soll. In der damaligen Begründung der Jury wurde auf „handwerkliche Mängel“ verwiesen. Als 2013 einer neuen Schnittfassung auf DVD das Prädikat „wertvoll“ verliehen wurde, nahm die Filmbewertungsstelle Wiesbaden (seit 2009 Deutsche Film- und Medienbewertung) auf die damalige Begründung Bezug und betonte vor allem unrealistische Aspekte der Handlung, welche die Wirkung des Filmes schmälerten. Interessant ist, dass im Gutachten des Bewertungsausschusses für „Der Rosengarten“ die Besetzung der Rollen, die schauspielerischen Leistungen und die differenzierte Figurenentwicklung hervorgehoben werden, die Auseinandersetzung mit realhistorischen Ereignissen jedoch keine Erwähnung findet. Der Stoff des Filmes wird nicht gesondert hervorgehoben.

Die Filmbewertungsstelle und der erinnerungskulturelle Kontext


Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden hat Behördenstatus und zeichnet seit 1951 deutsche, aber auch internationale Filme auf Antrag und unter Erhebung von Gebühren mit den Prädikaten „wertvoll“ und „besonders wertvoll“ aus. Das Prädikat soll eine Empfehlung an das Kinopublikum darstellen, besonders herausragende Produktionen kennzeichnen und damit Orientierung im vielfältigen Filmangebot schaffen. Die Filme werden von ehrenamtlich arbeitenden Jurys begutachtet, die sich aus von den Bundesländern benannten Expertinnen und Experten zusammensetzen. Die Begutachtung prüft die Qualität von Filmen und bewertet dabei Stoff, Form und Gestaltung. Ein Prädikat der Filmbewertungsstelle Wiesbaden kann nicht nur gute Werbung für einen Film sein, Prädikatsfilme sind außerdem von der Vergnügungssteuer befreit. Jedoch muss das Urteil von Filmbewertungsstelle, Kritik und Publikum nicht deckungsgleich sein, sondern kann durchaus auch abweichend ausfallen, wie das Beispiel „Der Rosengarten“ zeigt.

Die Auszeichnung durch die Filmbewertungsstelle Wiesbaden kann auch als Anzeiger dafür verstanden werden, welche Themen und Darstellungen zu welchem Zeitpunkt als relevant und angemessen verstanden und damit unterstützt werden. Dafür liefert die Begründung des Begutachtungsausschusses von „Der Rosengarten“ mit dem Verweis auf den Zeitpunkt einen deutlichen Hinweis: Zehn Jahre nach der Ausstrahlung der amerikanischen Fernsehserie „Holocaust“, die das fiktionale und vor allem opferzentrierte Erzählen über den Holocaust für ein Massenpublikum etablierte, ist die filmische Darstellung eines traumatisierten Überlebenden nicht mehr unbequem oder störend, sondern filmisch und massenmedial etabliert. Der Zeitpunkt der Begutachtung des Films liegt zwischen dem Fall der Mauer und der sogenannten Wiedervereinigung Deutschlands, ein Zeitpunkt, der neue Gründe für das Nachdenken über die eigene Geschichte mit sich bringt. Hierdurch entsteht der Eindruck, die aktuelle politische Situation stünde im Vordergrund und sei bedeutsamer als die historischen Ereignisse, die der filmischen Darstellung zu Grunde liegen. In Artur Brauners Schaffen stellt der Film einen von vielen dar, der sich gegen das bundesrepublikanische Vergessen der Opfer des Holocaust, aber auch der Täter wehrt. Wie in so vielen von Brauners Filmen verbindet sich sein Anspruch auf Unterhaltung mit dem Ziel der Erinnerung an den Holocaust. Dass die späteren Filme Anerkennung fanden, wie beispielsweise „Hitlerjunge Salomon“ (1989 / 90), während die frühen Filme wie „Morituri“ (1948) und „Zeugin aus der Hölle“ an Kritik und Publikum gleichermaßen scheiterten, begründet sich in den Veränderungen des gesellschaftlichen Verhältnisses zur nationalsozialistischen Vergangenheit und der sich verändernden Erinnerungskultur.

Auswahlbibliografie


Claudia Dillmann-Kühn, Artur Brauner und die CCC. Filmgeschäft, Produktionsalltag, Studiogeschichte 1946-1990, Frankfurt am Main 1990.
Sven Kramer, Wiederkehr und Verwandlung der Vergangenheit im deutschen Film, in: Peter Reichel / Harald Schmid / Peter Steinbach (Hrsg.), Der Nationalsozialismus, die zweite Geschichte. Überwindung, Deutung, Erinnerung, München 2009, S. 283–299.
Sonja M. Schultz, Der Nationalsozialismus im Film. Von Triumph des Willens bis Inglourious Basterds, Berlin 2012.
Lea Wohl von Haselberg, Und nach dem Holocaust? Jüdische Spielfilmfiguren im (west)deutschen Film- und Fernsehen nach 1945, Berlin 2016.

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Zur Autorin

Lea Wohl von Haselberg, Dr. phil., geb. 1984, wurde 2015 mit ihrer Arbeit "Und nach dem Holocaust? Jüdische Spielfilmfiguren im (west-)deutschen Film und Fernsehen nach 1945" an der Universität Hamburg promoviert.

Zitationsempfehlung und Lizenzhinweis

Lea Wohl von Haselberg, „Gegen das Vergessen“ – Filmische Erinnerung in „Der Rosengarten“, in: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, 20.07.2018. <https://dx.doi.org/10.23691/jgo:article-164.de.v1> [17.10.2018].

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