Kinderwelten
Neue Blicke auf die Geschichte des jüdischen Schullebens in Hamburg
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Der Blick eines Kindes auf die Welt wird zu einem großen Teil mitbestimmt durch die Schule, die es besucht. Gleichzeitig prägen Kinder mit ihrem ganz eigenen Blick auf die Dinge und ihren kindlichen Ausdrucksformen ihrerseits die Institution Schule. In Zeichnungen, Aufsätzen, Gedichten und anderen Quellen überliefern sie ihre spezielle Perspektive. Diese Ausstellung möchte die Kinderwelten der ehemaligen jüdischen Schulen Hamburgs ausleuchten. Schulen stellen dabei Orte dar, an denen Identitäten immer wieder neu verhandelt werden. Die jüdischen Schulen erzählen daher auch die Geschichte der Suche des Hamburger Judentums nach einem Platz in der Gesellschaft der Hansestadt. Gleichzeitig waren die jüdischen Schulen immer auch Orte der Gemeinschaft, an denen Freundschaften geschlossen wurden, gemeinsam gelernt, gestritten und gelacht wurde. In der Zeit nationalsozialistischer Verfolgung nahmen die jüdischen Schulen daher eine wichtige Rolle als letzte Bezugspunkte für jüdische Kinder in einer Stadt ein, die sie zunehmend ausschloss und am Ende deportieren ließ. Schließlich sind Talmud-Tora-Schule, Israelitische Töchterschule, Loewenberg-Schule sowie die kleineren jüdischen Schulen heute auch wichtige Bezugspunkte in der städtischen Erinnerungslandschaft.

Die Online-Ausstellung möchte neue Blickwinkel auf die Geschichte des jüdischen Schulwesens in Hamburg eröffnen. Ein Schwerpunkt bildet die kindliche Wahrnehmung, sodass Egodokumente von Schülerinnen und Schülern im Fokus stehen. Ein weiterer Schwerpunkt stellen Fotografien aus dem Schulleben dar, die ihrerseits einer speziellen Ästhetik folgen. Die Ausstellung zeigt selten gesehene Schätze aus zwei Hamburger Sammlungen: dem Bildnachlass von Ursula Randt am Institut für die Geschichte der deutschen Juden und dem Archiv der Gedenk- und Bildungsstätte Israelitische Töchterschule.

Verfasserinnen der Texte sind Anna von Villiez, Aline Philippen und Tamara Loewenstein, technisch umgesetzt wurde die Ausstellung von Daniel Burckhardt und konzipiert von Anna von Villiez, Sonja Dickow und Anna Menny.

Hamburgs jüdische Schulen

Während das 18. Jahrhundert noch ganz durch religiös-traditionelle Schulbildung geprägt war, veränderten sich im 19. Jahrhundert alte Gewissheiten im Zuge einer umfassenden Neufindung des Judentums als Teil der christlich-bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft. Mit der lange angestrebten und endlich erkämpften rechtlichen Gleichstellung der Jüdinnen und Juden und durch die Folgen der Aufklärung, die eine starke Hinwendung zur Weltlichkeit und ein Zurücktreten der Religiosität bewirkte, veränderten sich auch die Bildungsanforderungen für jüdische Kinder.

Die nichtjüdischen Schulen öffneten nur zögerlich ihre Türen. Seit 1802 konnten jüdische Jungen zwar das Hamburger Johanneum besuchen, erst mit der rechtlichen Gleichstellung im Jahr 1861 jedoch war eine Gleichbehandlung endgültig erreicht. Seit 1870 und dem „Gesetz betreffend das Unterrichtswesen“ gab es schließlich auch in Hamburg als letztem Land in Deutschland eine Schulpflicht. Die jüdischen Schulen waren nun zunehmend von der allgemeinen Entwicklung zur Verstaatlichung von Bildung betroffen. Am Ende der Weimarer Republik besuchte etwa die Hälfte der jüdischen Schulpflichtigen staatliche schulische Einrichtungen.

Talmud-Tora-Schule

Die Talmud-Tora-Schule wurde 1805 als „Israelitische Armenschule der Talmud Tora“ und orthodoxe Religionsschule für Jungen in der Hamburger Neustadt gegründet. Unter der Leitung des Rabbiners Isaak Bernays entwickelte sich die Schule seit 1822 zu einer Volksschule, die neben der religiösen Erziehung und hebräischen Ausbildung weitere Fächer, wie beispielsweise Deutsch, Geschichte und Naturkunde, in den Lehrplan integrierte. Im Jahr 1870 erhielt die Schule die staatliche Anerkennung als Höhere Bürgerschule.

Quelle: Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden © Julius Meyer.

Umzug ins Grindelviertel

Im Zuge der Verlagerung des Zentrums jüdischen Lebens von der Neustadt in das Grindelviertel zog die Schule 1911 in einen großzügigen Neubau am Grindelhof 30, in direkter Nachbarschaft zu der 1906 eingeweihten Bornplatzsynagoge.

Quelle: Die Talmud-Tora-Schule, abgedruckt in: Hamburg und seine Bauten unter Berücksichtigung der Nachbarstädte Altona und Wandsbek 1914, hrsg. v. Architekten- und Ingenieur-Verein zu Hamburg, Hamburg 1914, S. 203, Abb. 295.
Klassenfoto, einen Monat vor dem Abitur
Schüler auf dem Schulhof
Quelle: Sammlung Ursula Randt, Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden.

Schließung und Neubeginn

Ein Jahr vor der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten wurde die Schule als Oberrealschule zugelassen. Unter dem Namen „Volks- und Höhere Schule für Juden“, später „Jüdische Schule in Hamburg“, wurde die Talmud-Tora-Schule 1939 zwangsweise mit der Israelitischen Töchterschule zusammengelegt. Nachdem das Gebäude am Grindelhof von den Nationalsozialisten geräumt wurde, fand der Unterricht bis zur reichsweiten Schließung aller jüdischen Schulen im Juni 1942 zunächst in den Räumlichkeiten der Mädchenschule und sodann in einem jüdischen Waisenhaus am Papendamm statt. 2004 wurde das Gebäude der ehemaligen Talmud-Tora-Schule von der Stadt Hamburg an die Jüdische Gemeinde übergeben und 2007 erneut eine jüdische Schule, die Joseph-Carlebach-Schule, eröffnet. Sie betreut gegenwärtig etwa 200 jüdische und nicht-jüdische Kinder von der Krippe bis zum Abitur.

Grindelhof 30, 2012
Quelle: Wikimedia Commons, An-d, CC BY-SA 3.0.

Israelitische Töchterschule

Eröffnet 1884 entstand die von der Deutsch-Israelitischen Gemeinde unterhaltene Israelitische Töchterschule in der Carolinenstrasse 35 aus der Zusammenlegung zweier Armenschulen, der Stiftungsschule von 1789 sowie der Mädchen-Armenschule der Deutsch-Israelitischen Gemeinde von 1818. Die von dem Hamburger Unternehmer Marcus Nordheim gestiftete ursprüngliche Armenschule entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte zu einer Volks- und Realschule in der jüdische Mädchen aus allen Schichten unterschiedliche Abschlüsse erlangen konnten.

Plakat für einen Theaterabend der Israelitischen Mädchenschule im Jüdischen Gemeinschaftshaus, Februar 1938, Zeichnung: Susi Lewinsky (geb. Traumann).
Quelle: Materialsammlung Dr. Barbara Müller-Wesemann, Archiv des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden.
Klasse von Lilli Traumann, ca. 1931
Quelle: Sammlung Ursula Randt, Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden © Frau Zilligen.

Israelitische Töchterschule

Im April 1939 wurde die Mädchenschule von den Nationalsozialisten mit der ebenfalls noch bestehenden Talmud-Tora-Schule zusammengelegt. Fand der Unterricht von April bis September 1939 in den Räumlichkeiten der Schule am Grindelhof statt, verlagerte er sich nach der Räumung der Talmud-Tora-Schule zunächst in das Gebäude der ehemaligen Mädchenschule in der heutigen Karolinenstraße. Nachdem auch dieses im Mai 1942 von den Nationalsozialisten vereinnahmt wurde, erfolgte der Unterricht bis zum reichsweiten Verbot jüdischer Schulen am 30. Juni 1942 in einem jüdischen Waisenhaus am Papendamm.

Zeichenunterricht bei Sara Benjamin / Unterricht bei Bertha Loewy, 1924
Quelle: Central Archives for the History of the Jewish People, AHW TT/94 Album mit Klassenaufnahmen, No. 5 / 11.
Quelle: Sammlung Ursula Randt, Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden.

Israelitische Höhere Mädchenschule in der Bieberstraße

Die vom Rabbiner Markus Hirsch etablierte Israelitische Höhere Mädchenschule wurde 1893 am Grindelhof eröffnet und zog sechs Jahre nach ihrer Gründung in die Bieberstraße 4. Die orthodoxe Privatschule wurde fast ausschließlich von Mädchen aus wohlhabenden Familien besucht, die das für den Unterhalt der Privatschule benötigte hohe Schulgeld zahlen konnten. Zentrale Bestandteile des Lehrplans der 1912 als Lyzeum anerkannten Schule bildeten der Unterricht in jüdischer Religion sowie hebräischer Sprache. Wie auch die Loewenberg-Schule musste die Mädchenschule 1931 aus finanziellen Gründen geschlossen werden.

Loewenberg-Schule

Der Arzt Moritz Katzenstein gründete 1863 eine liberal ausgerichtete jüdische Privatschule für Mädchen in der Johnsallee 33. 29 Jahre später, im Jahre 1892, übernahm der Schriftsteller und Pädagoge Jacob Loewenberg die Schule. Nach seinem Tod im Februar 1929 übernahm die Leitung sein Sohn, der Pädagoge Ernst Loewenberg. Die auch christlichen Mädchen offenstehende Schule wurde 1912 als Lyzeum staatlich anerkannt und orientierte sich an den Ideen der Kunsterziehungsbewegung. Diese maßgeblich von Alfred Lichtwark, Pädagoge und von 1886 bis 1914 Direktor der Hamburger Kunsthalle, geprägte reformpädagogische Strömung fokussierte sich auf den Unterricht musisch-ästhetischer Fächer, wie beispielsweise Musik oder Kunst, und die Einbeziehung körperlicher Tätigkeiten, unter anderem im Rahmen von Musik- oder Theateraufführungen. Neben Kooperationen mit Lichtwark wirkten viele weitere bedeutende Pädagogen und Künstler an der Schule, wie zum Beispiel der Dichter Otto Ernst und der Schriftsteller Heinrich Scharrelmann. In Folge der Weltwirtschaftskrise musste die Schule 1931 aufgrund finanzieller Schwierigkeiten schließen.

Quelle: Sammlung Ursula Randt, Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden © Margarete Loewenberg.
Central Archives for the History of the Jewish People, AHW TT/94 Album mit Klassenaufnahmen, No. 20.
Loewenberg-Schule, Abschiedsfeier, 20.3.1927
Schülerinnen des 1. Schuljahres, ca. 1925

Gemischtkonfessionelle Schulen

Noch bis in das frühe 19. Jahrhundert verlief die Erziehung und Bildung jüdischer Kinder ausschließlich innerhalb der jeweiligen Gemeinde bzw. Familie und war entsprechend religiös ausgerichtet. Im Zuge der Aufklärung und jüdischen Emanzipation schickten insbesondere liberal eingestellte Eltern ihre Kinder auf die mit der Zeit neu entstandenen jüdischen Erziehungseinrichtungen, welche profane Fächer in den Lehrplan einbezogen, auf sogenannte jüdisch-christliche „Simultanschulen“, welche sowohl jüdische als auch christliche Kinder aufnahmen, oder die späteren staatlichen schulischen Einrichtungen. Auf diese Weise sollte die Integration der Kinder in die nicht-jüdische Umwelt gefördert werden. Gleichzeitig entwickelten sich manche vormals jüdischen Privatschulen zu öffentlichen Schulen, die auch bei christlichen Familien sehr beliebt waren aufgrund ihres hohen Niveaus. Beispiele waren die Anton-Rée-Realschule in der Neustadt und die Mädchenschule von Ria Wirth.

Die Fotos stammen aus der Breitenfelder Schule, eine städtische Grundschule, deren Schülerschaft vor 1933 etwa zur Hälfte jüdisch war und die, damals noch sehr ungewöhnlich, Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtete.

Quelle: überlassen durch Dankward Sidow.
Quelle: Archiv Israelitische Töchterschule.

Jüdische Mädchenschulen – Pädagogische Konzepte

Im Zuge der Aufklärung und jüdischen Emanzipation verlagerte sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts der Fokus von einer traditionell-religiösen Erziehung hin zu einer weltlichen Bildung beider Geschlechter. Eine Beschulung der Mädchen fand bis dato meist in ihren Elternhäusern und ausschließlich in Bereichen statt, die sie auf ihre zukünftige Rolle als Ehefrau und Mutter vorbereiten sollten. Um die Jahrhundertwende etablierten sich staatliche sowie von den jüdischen Gemeinden oder christlichen sowie jüdischen Privatpersonen finanzierte Unterrichtsanstalten, die Töchter aus unterschiedlich religiös gesinnten und finanziell situierten Familien in Sprachen sowie allgemeinen Themen schulten. Doch ob staatlich oder privat, jüdisch oder nicht-jüdisch – in jenen Höheren Töchterschulen gab es noch bis in die 1890er-Jahre hinein für Mädchen nicht die Möglichkeit, das Abitur zu absolvieren und die Hochschulreife zu erlangen. Der Besuch eines Lehrerinnenseminars, verbunden mit der anschließenden Tätigkeit als Pädagogin und dem sogenannten „Lehrerinnenzölibat“, war für junge Frauen die einzige Möglichkeit einer weiterführenden Bildung. Erst die vehementen Forderungen einer Reformierung des Bildungswesens durch die Frauenbewegung sowie die in Folge vollzogenen preußischen Mädchenschulkonferenzen in den Jahren 1906 bis 1908 ebneten den Weg für die Etablierung von Mädchengymnasien sowie die Immatrikulation von Frauen an den Universitäten.

Jüdische Kindheiten

Jüdische Schulkinder hatten mehrere Wurzeln: Hamburg als Lebenswelt mit seiner besonderen norddeutsch-hanseatischen Prägung sowie die jüdische Religion. Als Hamburger „Jungs und Deerns“ waren ihre Kindheiten gleichzeitig durch jüdische Feste, Synagogenbesuche und familiäre Traditionen geprägt. Diese verschiedenen Facetten kindlicher Identitäten lassen sich in Quellen unterschiedlicher Art entdecken. Während bis in die Weimarer Zeit ein Nebeneinander dieser Identifikationspunkte möglich schien, reduzierte die nationalsozialistische Agenda jüdische Kinder radikal auf eine vorgebliche „Andersartigkeit“.

Weitgehend getrennt spielten sich dabei die kindlichen und jugendlichen Welten von Mädchen und Jungen ab. Gemischtgeschlechtliche Schulen waren bis 1933 noch sehr selten und galten als experimentell, die jüdischen Schulen blieben strikt nach Geschlechtern getrennt.

Einschulung

Die Schultüte ist eine deutsche Tradition. Der Brauch der sogenannten „Zucker-“ oder „Schultüte“ verbreitete sich seit dem 19. Jahrhundert von Thüringen und Sachsen im deutschsprachigen Raum und versüßt seit jeher sowohl jüdischen als auch nicht-jüdischen Kindern die Einschulung. Gleichzeitig hat das Schenken von Süßem zum Schulbeginn im Judentum eine eigene lange Tradition. So wurde bereits mit dem Eintritt in den Cheder, eine im westeuropäischen Judentum bis ins 18. Jahrhundert vorgesehene Toraschule für Jungen, süßes Gebäck vom Lehrer an die Fünfjährigen verschenkt.

Quelle: Sammlung Ursula Randt, Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden © Manfred Hildesheim / Esther Wasserzug, geb. Liwschitz / Rivka Vogel, geb. Karlsberg.
Quelle: Sammlung Ursula Randt, Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden © Sara Klugman.

Unterricht

Quelle: Sammlung Ursula Randt, Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden © Alisa Levy-Marmor, geb. Haller / Kurt Lichtenhayn / MHG / Lilli Popper, geb. Traumann.

Hebräischunterricht

Spätestens seit dem im November 1870 verabschiedeten „Gesetz betreffend das Unterrichtswesen“, welches in Hamburg das staatliche Schulwesen begründete, mussten sich alle jüdischen Schulen an einem staatlich vorgeschriebenen Lehrplan orientieren. Jüdische Elemente konnten dabei jedoch durch das Begehen traditionell-jüdischer Festtage, der Vermittlung jüdischen Religionsunterrichts sowie der hebräischen Sprache gewahrt werden.

Bei den vorliegenden Seiten handelt es sich um Ausschnitte aus der Hebräisch-Fibel „Licht und Freude“, die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts unter anderem von Hugo Mandelbaum (1901–1997) mitgestaltet und herausgegeben wurde. Von 1923 bis zu seiner Emigration nach England im Jahr 1939 war er als Lehrer an der Talmud-Tora-Schule tätig. Im Jahr 1940 emigrierte er in die USA und von dort 1971 nach Israel, wo er 1997 in Jerusalem verstarb.

Quelle: Archiv Israelitische Töchterschule.
Quelle: Archiv Israelitische Töchterschule / Sammlung Ursula Randt, Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden © Lilli Popper, geb. Traumann.

Feste feiern

Neben traditionell-jüdischen Festen, wie beispielsweise dem Pessach-, Versöhnungs- oder Laubhüttenfest, wurden auch patriotische Feiertage, wie unter anderem der Geburtstag des Kaisers, begangen. Kaiserkult und Patriotismus prägten gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Gesellschaft und machten auch vor den jüdischen Schulen nicht halt. Schüler und Lehrer der Talmud-Tora-Schule zählten zu den Freiwilligen im Ersten Weltkrieg. Nach 1933 wurden Juden oft als nicht „vaterlandstreu“ verunglimpft. Im Mai schrieb der Schüler Karl Zimmermann an seinen Freund Kurt Brimer: „Den 1. Mai haben wir hier gebührend gefeiert. Sollte dieser Brief geöffnet werden, so mag der Zensor mit Stolz erfahren, daß die T.T. [Talmud-Tora-Schule] am nationalen Bewußtsein nicht zu wünschen übrigen läßt.“

Ausflüge

Es sind viele Bilder von Schulausflügen erhalten. Sie zeigen typische Ausflugsziele, wie sie noch heute von vielen Hamburger Schulklassen besucht werden: der Hamburger Hafen, die Lüneburger Heide, Lübeck. Es drückt sich auf den Bildern die gelöste Atmosphäre aus, die im Gegensatz zum oft noch recht strengen Unterricht stand. Auch wurde bei den Ausflügen die Trennung nach Geschlechtern in der Schulbildung gelockert. Ab Ende der 1930er-Jahre machten Verbote für die jüdische Bevölkerung Ausflüge zunehmend unmöglich.

Quelle: Sammlung Ursula Randt, Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden.
Quelle: Sammlung Ursula Randt, Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden © Inge Lange, geb. Lembcke.

Klassenfreundschaft zwischen der Israelitischen Töchterschule und der Schule Alsenstraße

Die nicht-jüdische Schule Alsenstraße wurde 1908 als Volksschule gegründet. Das Doppelschulhaus unterrichtete Mädchen sowie Jungen in den Klassen 1 bis 7 getrennt voneinander und verfügte über zwei Schulleiter und zwei Kollegien. Die jüdische Lehrerin Edith Behrend, geboren 1880 und am 18.11.1941 nach Minsk deportiert, arbeitete an der Schule in der Alsenstraße 21. Sie unterrichtete die Mädchen vom ersten bis sechsten Schuljahr in unterschiedlichen Fächern, wie beispielsweise im Turnen sowie in Heimatkunde. Bemüht um einen jüdisch-christlichen Dialog und die Verwirklichung der reformpädagogischen Ansätze jener Zeit, unterhielt ihre Klasse zu den Schülerinnen Lilli Traumanns, Lehrerin an der Israelitischen Töchterschule und Kollegin ihrer Schwester, Elsa Behrend, eine Klassenpartnerschaft. So wurden gemeinsam Ausflüge unternommen, Feste gefeiert und sich gegenseitig Briefe geschrieben sowie Fische für die Aquarien in den jeweiligen Klassenräumen geschenkt.

Quelle: Archiv Israelische Töchterschule.

Klassenfotos als historische Quellen

Klassenfotos faszinieren, da sie als Standardformat aus der eigenen Schulzeit so bekannt sind und gleichzeitig einen unverstellten Blick auf die Kinder in ihrem schulischen Umfeld ermöglichen. Als historische Quellen ermöglichen sie viele unterschiedliche Zugänge. So sind sie zum Beispiel gleichzeitig wichtige Erinnerungsstücke für die Überlebenden, als auch Fenster in die jeweilige Geschichte einer einzelnen Schule. Hier zeigen wir sie als zwei Serien, um den Blick der Betrachterinnen und Betrachter auf die unterschiedlichen Geschlechterbilder zu lenken. Erst mit den 50er-Jahren setzte sich die Koedukation, also die gemischtgeschlechtliche Schulbildung, in Deutschland durch. Bis dahin waren die Lebenswelten von Jungen und Mädchen weitgehend getrennt, zumindest in den Schulen.

Quelle: Sammlung Ursula Randt, Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden © Esther Klar, geb. Wigderowitsch / Fotograf: E. Wohlgemuth.

Jungenwelten

Quelle: Sammlung Ursula Randt, Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden / Archiv des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden.

Mädchenwelten

Quelle: Archiv Israelitische Töchterschule / Sammlung Ursula Randt, Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden.

Mädchenwelten

Quelle: Sammlung Ursula Randt, Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden.

Mädchenwelten

Quelle: Sammlung Ursula Randt, Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden.

An jüdischen Schulen beschäftigt

An jüdischen Schulen arbeiteten zum einen bedeutende Gelehrte und Pädagogen, wie der Schriftsteller Jakob Loewenberg. Die Quellen erzählen jedoch nicht nur von den namenhaften Schulleitern, sondern auch von Hausmeistern und Putzfrauen, die ebenfalls wichtige Protagonistinnen und Protagonisten der schulischen Gemeinschaft waren. Auch bei den an jüdischen Schulen Beschäftigten bestimmte das Geschlecht die Lebenswirklichkeit maßgeblich. Ob jüdische oder nicht-jüdische Einrichtungen, Mädchen war der Zugang zu Realschulen, Gymnasien und Universitäten im 19. Jahrhundert verwehrt und der Fokus des staatlich vorgeschrieben nur kurzen Bildungsweges lag noch bis zur Jahrhundertwende auf der Erziehung zur Haus- und Ehefrau. Lediglich die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen Lehrerinnenseminare ermöglichten eine höhere Bildung und finanzielle Eigenständigkeit. Der Beruf als Pädagogin war jedoch auch an das sogenannte „Lehrerinnenzölibat“ geknüpft, welches die Unvereinbarkeit von Ehe und Beruf für Lehrerinnen noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts rechtlich festschrieb.

Alberto Jonas

Alberto Jonas (1889–1942) unterrichtete von 1922 bis 1924 in den Fächern Hebräisch, Griechisch und Latein an der Talmud-Tora-Schule, bevor er 1924 zum Direktor der Israelitischen Töchterschule ernannt wurde. Während seiner Amtszeit erfolgte eine organisatorische und pädagogische Weitergestaltung der einstigen Armenschule für Mädchen von 1798, die den Ansprüchen einer modernen Mädchenbildung gerecht wurde. Im Jahr 1930 wurde die Israelitische Töchterschule als Volks- und Realschule staatlich anerkannt. Nachdem die Nationalsozialisten 1939 die Israelitische Töchterschule sowie die Talmud-Tora-Schule in den Räumlichkeiten der Mädchenschule unter dem Namen „Volks- und Höhere Schule für Juden“ vereinigten, wurde Jonas 1940 zu ihrem Direktor ernannt. Gemeinsam mit seinem Kollegium versuchte er für die noch verbliebenen Kinder diese letzte bestehende jüdische Schule als einen Ort der Geborgenheit mit einem möglichst ungestörten Schulalltag zu bewahren. Am 19.7.1942 wurde Jonas gemeinsam mit seiner Frau, der Schulärztin Marie Anna Jonas, sowie seiner Tochter Esther nach Theresienstadt deportiert, wo er nur wenige Wochen später, am 29. August, verstarb.

Quelle: Sammlung Ursula Randt, Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden © Miriam Shalvi, geb. Seligmann.

Arthur Spier

Arthur Spier (1898–1985) wurde 1926 zum Direktor der Talmud-Tora-Schule ernannt. Mit erst 28 Jahren trat er die Nachfolge des Rabbiners und Pädagogen Joseph Carlebach an, der die orthodoxe Knabenschule in den 1920er-Jahren reformiert, neue Unterrichtsmethoden eingeführt, Sport und musische Fächer stärker betont und Ausflüge sowie Klassenfahrten durchgeführt hatte. Wie zuvor bei Carlebach stand auch im pädagogischen Konzept des in einer streng jüdisch-orthodoxen Familie aufgewachsenen Spiers die Verbindung zwischen säkularer Bildung und jüdischer Erziehung im Zentrum, um die jüdischen Identitäten der Schüler zu stärken. Unter seiner Leitung wurde die Schule zu einer jüdischen Gesamtschule mit Grundschule, Volksschule sowie Oberrealschule. Zudem etablierte er nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten im Jahr 1933 ein jüdisches Schulzentrum in Hamburg, das Schülerinnen und Schüler in handwerklichen sowie landwirtschaftlichen Ausbildungsstätten auf die Auswanderung nach Palästina vorbereiten sollte. Als Folge des Novemberpogroms 1938, im Zuge dessen das Kollegium der Talmud-Tora-Schule inhaftiert und Spier misshandelt wurde, organisierte und begleitete er mehrere „Kindertransporte“ nach England sowie in andere europäische Länder. Nachdem er 1940 in die USA emigrierte, ließ er sich in New York nieder. Hier gründete er die Manhattan Day School, die ähnlich wie die Talmud-Tora-Schule organisiert war und leitete diese sowie die Religionsschule der Spanisch-Portugiesischen Synagoge der Stadt.

Quelle: Archiv Israelitische Töchterschule.

Jakob Loewenberg

Als bekannter Schriftsteller publizierte Jakob Loewenberg (1856–1929) Lyrik, Kinderliteratur und pädagogische Schriften. Nach Aufenthalten in London, Paris, Marburg und Heidelberg zog er 1886 nach Hamburg und wurde 1892 Leiter und Inhaber der privaten Höheren Mädchenschule von Moritz Katzenstein. Die für Mädchen aller Konfessionen offen stehende Schule leitete der Reformpädagoge nach den Vorstellungen der Kunsterziehungsbewegung. Hierzu zählten insbesondere die Betonung des Kunst-, Literatur- sowie Musikunterrichts und eine enge Zusammenarbeit der Klassen mit der Hamburger Kunsthalle und ihrem Direktor, Alfred Lichtwark. Neben seiner schriftstellerischen und pädagogischen Tätigkeit engagierte sich Loewenberg vielfältig, so beispielsweise in der Literarischen Gesellschaft, der Lehrervereinigung zur Pflege der künstlerischen Bildung sowie im Lehrerrat und in der Lehrerkammer. Nach seinem Tod übernahm sein Sohn Ernst Loewenberg die Schule, welche in Folge der Weltwirtschaftskrise jedoch nur zwei Jahre später, 1931, schließen musste. Heutzutage erinnert eine Tafel an dem Gebäude in der Johnsallee 33 an die Geschichte des Hauses.

Quelle: Sammlung Ursula Randt, Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden, Fotograf: Kurt Schallenberg, Grindelallee.
Quelle: Archiv Israelitische Töchterschule.

Mary Marcus

Mary Marcus (1844–1930) war von 1868 bis 1884 Leiterin einer 1798 gegründeten Stiftungsschule für jüdische Mädchen aus finanziell schwachen Familien. Nach der Zusammenlegung der Stiftungsschule mit der Mädchen-Armenschule der Deutsch-Israelitischen Gemeinde im Jahre 1884 amtierte sie bis 1924 als Leiterin der daraus hervorgegangenen Israelitischen Töchterschule. Während ihrer gesamten Laufbahn bemühte sich Marcus, der finanziellen Benachteiligung der Mädchen mithilfe einer sorgfältigen Erziehung und umfassenden Bildung entgegenzuwirken, um so die Standesunterschiede zwischen „Volksschülerinnen“ und „höheren Töchtern“ zu überwinden. Zeitweise auch gegen den Widerstand des Vorstandes der Gemeinde, der die Mädchenbildung lange Zeit vernachlässigt hatte, konnte Marcus ihre pädagogischen Ziele durchsetzen. Am Lehrplan der Hamburger Volksschule orientierend, lag ein besonderer Fokus auf Deutsch-, Literatur- und Fremdsprachenunterricht. Dieser sollte zur gesellschaftlichen Anerkennung der Mädchen beitragen. Marcus starb mit 86 Jahren, nachdem sie erst sechs Jahre zuvor in den Ruhestand gegangen war. Zeitlebens gründete Marcus keine Familie, galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch das sogenannte „Lehrerinnenzölibat“, welches die Kündigung einer berufstätigen Frau im Falle einer Eheschließung vorsah.

Lehrerinnen und Lehrer

An den jüdischen Schulen waren teilweise namenhafte Pädagogen und Intellektuelle tätig, die weit über die Schule hinaus wirkten. Beispiele sind der Dichter Jakob Loewenberg oder der Lehrer und spätere Hamburger Oberrabbiner Joseph Carlebach. Unter den Lehrerinnen waren viele Pionierinnen, die der ersten und zweiten Generation von Frauen im Lehrerberuf angehörten. In der Zeit der Verfolgung nach 1933 nahmen viele der Lehrerinnen und Lehrer ihre Rolle als wichtige Bezugspersonen in den sich auflösenden Lebenswelten der Kinder sehr ernst. Sie führten oft umfangreiche Korrespondenzen mit ehemaligen Schülerinnen und Schülern. Zum Personal der Schulen gehörten auch Putz- und Hilfskräfte, Hausmeister und weitere, die oft in der Geschichte der jüdischen Schulen übersehen werden.

Quelle: Central Archives for the History of the Jewish People, AHW TT/94 Album mit Klassenaufnahmen, No. 1.

Lehrerinnen und Lehrer

Quelle: Sammlung Ursula Randt, Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden © Mary Weglein / Emma Simonsohn
Quelle: Central Archives for the History of the Jewish People, AHW TT/94 Album mit Klassenaufnahmen, No. 15.

Marie Anna Jonas

Als Tochter eines Apothekenbesitzers wurde Marie Anna Levinsohn am 12. Januar 1893 in Fischhausen in Ostpreußen geboren. Mit 15 Jahren verwaist, besuchte Marie Anna eine Höhere Mädchenschule mit angeschlossenem Lehrerinnenseminar in Königsberg, welches sie 1911 erfolgreich abschloss. Während des Ersten Weltkriegs arbeitete sie als Krankenschwester für das Rote Kreuz, ebenfalls in Königsberg. Ab 1917 bereitete sie sich zudem auf ihre Abiturprüfung vor, welche sie 1919 bestand. Im Anschluss nahm sie an der Albertus-Universität Königsberg ein Medizinstudium auf - ein Schritt, der für damalige gesellschaftliche Verhältnisse für Frauen noch nicht gewöhnlich war. Nachdem sie 1922 promovierte, erhielt sie 1923 ihre Approbation. Im selben Jahr heiratete sie Alberto Jonas, der zu dieser Zeit als Lehrer an der Hamburger Talmud-Tora-Schule tätig war.

Marie Anna Jonas

1924 kam ihre Tochter, Esther, zur Welt und Alberto wurde Direktor der Israelitischen Töchterschule. Hier arbeitete Marie Anna bis 1932 als Schulärztin. In den darauf folgenden Jahren war sie am Universitätskrankenhaus Eppendorf sowie Israelitischen Krankenhaus ehrenamtlich tätig. Ab 1938 arbeitete sie als Krankenpflegerin und unterrichtete an der Israelitischen Töchterschule in den Fächern Biologie sowie Gesundheitslehre. Zu Beginn des Jahres 1942 musste die Familie Jonas ihre Wohnung in Eppendorf im Woldsenweg 5 verlassen und ein Zimmer in einem sogenannten „Judenhaus“ am Laufgraben 37 beziehen. Am 19. Juli 1942 wurden das Ehepaar und seine Tochter nach Theresienstadt deportiert. Marie Anna wurde am 12. Oktober 1944 in Auschwitz ermordet.

Quelle: Sammlung Ursula Randt, Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden.

Paula Friedländer

Paula Friedländer, die 1900 als Paula von Halle geboren wurde, war Schülerin der Israelitischen Töchterschule. Von 1940 bis 1942 arbeitete sie als Reinmachefrau an der Schule. Mit ihrem Mann, Adalbert Friedländer, wurde sie 1942 nach Theresienstadt deportiert. Beide überlebten, viele ihrer Verwandten jedoch wurden ermordet. Die Familie hat der Gedenk- und Bildungsstätte Israelitische Töchterschule viele Familiendokumente überlassen, unter anderem die „Kennkarte“ von Paula, die sie als „Jüdin“ auswies, sowie ein gezeichnetes Portrait, das in Theresienstadt entstand.

Quelle: Archiv Israelitische Töchterschule, Nachlass Friedländer.

Mit Kinderaugen gesehen

Es ist ein reicher Schatz an kindlichen Zeugnissen aus dem jüdischen Schulleben erhalten: Briefe, Schulaufsätze, Zeichnungen, Poesiealben und Gedichte. Sie eröffnen eine selten gezeigte Perspektive auf die Geschichte des Hamburger Judentums. Die erhaltenen Quellen erzählen von kindlichen Lebenswelten zwischen Kaiserreich, Weimarer Zeit und zunehmender Verfolgung unter dem Nationalsozialismus. Deutlich zeigt sich auch hier immer wieder die doppelte Verwurzelung in der Hansestadt mit ihrer nordischen Prägung sowie in der jüdischen Tradition. Vieles gehört bis heute zur Schulzeit eines Hamburger Kindes: die Schultüte, eine Hafenrundfahrt und Wanderungen in der Lüneburger Heide.

Schulheft Esther Wigderowitsch

Das Schulheft wurde 1930 von der Schülerin Esther Wigderowitsch an der Israelitischen Töchterschule im Tagebuchstil gestaltet. Sehr anschaulich schildert sie ihren Alltag als junges Mädchen in Hamburg, in dem jüdische Feste und Besuch aus Jerusalem ebenso selbstverständlich waren wie Ausflüge in den Jenisch-Park oder die Fahrten mit der Straßenbahn. Über ihr weiteres Schicksal ist noch nichts bekannt.

Quelle: Archiv Israelitische Töchterschule.

Klassenfoto zu dem Aufsatzheft von Lilli Traumann

Das vermutlich um 1933 entstandene Foto zeigt Ruth Moses (mittlere Reihe, zweite von links) und weitere Schülerinnen der Klasse Lilli Traumanns. Einige der Mädchen, wie beispielsweise Edith Hirt (erste Reihe, erste von links), Marion Heymann (erste Reihe, zweite von rechts) sowie Hilde Falck (hinterste Reihe, zweite von links), verfassten in der 1. Klasse Zweizeiler für ein Aufsatzheft für Traumann.

Quelle: Sammlung Ursula Randt, Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden © Lilli Popper, geb. Traumann.

Aufsatzheft von Lilli Traumann

Tagebuchähnlich durfte sich von Dezember 1931 bis März 1932 auf jeder Seite eine andere Schülerin einem bestimmten Alltagserlebnis widmen und dieses mit einer Zeichnung ausschmücken.

Quelle: Archiv Israelitische Töchterschule.

Zerrissene Kinderbiografien

Der Beginn nationalsozialistischer Herrschaft in Deutschland im Januar 1933 führte zu einem ersten Riss durch jüdische Kinder- und Jugendbiografien. Immer mehr Verbote beschränkten ihren Alltag, sie wurden zunehmend zu „Kindern zweiter Klasse“ gemacht. Ihr Selbstverständnis als „jüdisch-hamburgisch“ geriet ins Wanken. Der November 1938 mit der Pogromnacht und den willkürlichen Verhaftungen und Verschleppungen nach Sachsenhausen brachte den entscheidenden biografischen Bruch, denn nun setzte die größte Fluchtwelle ein, die die meisten jüdischen Familien aus der Stadt in eine ungewisse Zukunft trieb. Wer nicht mehr fliehen konnte, wurde fast immer Opfer der Deportationen, für etwa 300 jüdische Kinder aus Hamburg endete ihr kurzes Leben jäh und grausam.

Abschulung

Eine Korrespondenzakte aus den Jahren 1936 bis 1939 aus der Israelitischen Töchterschule lässt erahnen, welche Nöte sich hinter den förmlich gehaltenen Schreiben verbargen. Oft nahmen die Eltern die Kinder einige Tage vor der Flucht aus Deutschland aus der Schule, damit sie beim Packen des Hausstandes helfen konnten.

Quelle: Staatsarchiv Hamburg, 361-2 II Oberschulbehörde II, Nr. Abl. 2007/01, 331.

Max Brimer

Max Brimer wurde am 16.10.1914 geboren und war Schüler der Talmud-Tora-Schule. Bevor er 1933 nach Palästina auswanderte, wohnte er am Goldbekufer 46 im Hamburger Stadtteil Winterhude. Er war Mitglied des 1910 gegründeten zionistischen Turn- und Sportvereins „Bar Kochba“. Als Mittel zur Stärkung der jüdischen Identität und eines nationalen Bewusstseins, sollte der Verein zugleich antisemitischer Propaganda und dem Vorurteil des „intellektuellen und unsportlichen Juden“ körperliche Fitness entgegensetzen.

Quelle: Sammlung Ursula Randt, Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden © Adolph Wolfermann / Max Brimer.

Max Brimer

Der Gedenk- und Bildungsstätte Israelitische Töchterschule liegt eine Vielzahl von Bescheinigungen und Siegerurkunden Brimers vor, die von seinem sportlichen Engagement und Erfolg zeugen. So verfügte er beispielsweise über einen „Führerausweis“, welcher ihn befähigte, für den Verein Ausflüge zu leiten und 1932 nahm er an den „Jüdischen Olympischen Spielen Maccabiah“ teil. Nach seiner Auswanderung wurde er Redakteur von Armeepublikationen und Übersetzer für Deutsch, Englisch und Französisch.

Quelle: Archiv Israelitische Töchterschule, Nachlass Max Brimer / Sammlung Ursula Randt, Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden © Max Brimer.

Brief des Unterprimaners Karl Zimmermann, Hamburg, an seinen Freund Max Brimer in Belzig (Hachschara), Hamburg den 4. Mai 1933

Karl Zimmermann konnte später selber auswandern und lebte in Israel. Er ist der Vater des Historikers Moshe Zimmermann.

Text des Briefes (im Auschnitt): „Es freut mich, daß Belzig schön gelegen ist. So hast Du wenigstens Aussicht auf völligen Genuß eines schönen Sommers. Für mich sind die Aussichten trostlos. Nie bin ich so in den Mai getreten. Seit mehreren Monaten nicht einen Vers geschrieben. Das soll schon was heißen [...]
In der Penne vermißt man alte und entdeckt man neue Gesichter. Die Völkerwanderung dauert noch an. Günter und Du, Ihr seid fort; Edgar rüstet nach Amerika; Anni hat das Studium aufgegeben und glaubt, in einem halben Jahr nach Erez fahren zu können. Es wird öde und leer um mich. Die Menschen, die ich gern habe, verlaufen sich in alle Winde. Mir bleibt bald nichts als die Erinnerung. Verflucht, und da soll man nicht sentimental werden! – Erinnerung ist übrigens eine gute Erfindung. Je düsterer die Gegenwart, je strahlender ist sie. […]
PS. Meine liebsten Beschäftigungen sind Schlafen und Baden. Ich freue mich – jetzt wie nie – daß ich Viel- und Langschläfer bin. Mein Bad vollführe ich mit jener Gründlichkeit, mit der man eine symbolische Handlung vollführt. Ich werfe den ganzen Schmutz der Umwelt von mir.“

Quelle: Archiv Israelitische Töchterschule, Nachlass Max Brimer.

Letzte Zeugnisse

Die Abgangszeugnisse jüdischer Schulkinder sind oft die letzten Spuren, die sie in Hamburg hinterlassen haben. Von vielen ist bis heute nicht bekannt, welches Schicksal sie nahmen. Die Zeugnisse aus der inzwischen mit der Talmud-Tora-Schule zusammengelegten Israelitischen Töchterschule enthalten oft Hinweise auf den Werdegang, wenn zum Beispiel die Auswanderung als Grund für den Schulabgang genannt wird. Die üblichen Abschiedsfloskeln der Schule muten im Rückblick zynisch an, wenn die Schüler mit „besten Wünschen für die Zukunft“ entlassen werden. Die letzten Zeugnisse in der Serie stammen vom 30. Juni 1942, wenige Tage später wurden reichsweit alle jüdischen Schulen geschlossen, die Deportationen hatten bereits begonnen. Rund 300 jüdische Schülerinnen und Schüler konnten nicht mehr fliehen und wurden zu Opfern der Schoah.

Quelle: Staatsarchiv Hamburg, 362-6/10 Talmud-Tora-Schule, Nr. 25 (bzw. 741-4 Sa 1247).

Schule als letzter Anker

An die jüdischen Schulen kamen nach 1933 zunehmend Kinder, die bis dahin nichtjüdische Schulen besucht hatten. Die „1. Verordnung zum Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen“ vom 25.4.1933 beschränkte die Zahl jüdischer Schülerinnen und Schüler an Höheren Schulen und Hochschulen auf 5%, bei Neuaufnahmen auf 1,5 %. Die umgeschulten Kinder kamen oft aus wenig oder gar nicht jüdisch-orientieren Familien und hatten bis dahin wenig Bezug zum Judentum gehabt. Die jüdische Gemeinde schrumpfte zunächst langsam, nach dem Novemberpogrom 1938 rasant. Unmittelbar danach wurde am 15.11.1938 Jüdinnen und Juden der Besuch staatlicher Schulen gänzlich verboten. Nach der Zusammenlegung von Talmud-Tora-Schule und Israelitischer Töchterschule 1938 gab es schließlich nur noch eine jüdische Schule in Hamburg, an der die verbliebenen jüdischen Kinder unterrichtet wurden. Somit wurde die Schule auch zu einer letzten Gemeinschaft jüdischer Familien.

Lilli Traumann

Lilli Traumann (1903–1990) war zunächst Schülerin der Loewenberg-Schule sowie der Helene-Lange-Oberrealschule, die sie 1923 mit dem Abitur abschloss. Nach einer Ausbildung zur Lehrerin nahm sie 1926 eine Stelle an der Israelitischen Töchterschule an, wo sie in erster Linie Grundschulklassen unterrichtete. Als überzeugte Zionistin entschied sie sich bereits Ende 1933 nach Palästina auszuwandern. Daraufhin übernahm ihre Schwester, Susi Traumann, die ihr Pädagogikstudium an der Universität Hamburg gerade erst beendet und nun ebenfalls an der Israelitischen Töchterschule eine Tätigkeit als Lehrerin aufgenommen hatte, die Kinder des dritten Schuljahres. In Tel Aviv arbeitete Lilli Traumann an einer Schule, die 1934 für Kinder deutscher Einwanderinnen und Einwanderer gegründet worden war, und veröffentlichte hebräisches Unterrichtsmaterial. Von ihrer Beliebtheit bei den Kindern zeugen die vielen Briefe, die sie nach ihrer Emigration weiterhin aus Deutschland erhielt.

Quelle: Sammlung Ursula Randt, Bilddatenbank des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden © Lilli Popper, geb. Traumann.

Briefe von Schülerinnen an Lilli Traumann

Ab 1933 nahmen jüdische Menschen in Deutschland zunehmend Abschied von Verwandten, Freunden und Bekannten. Briefe bildeten die einzige Möglichkeit, um weiterhin in Kontakt zu bleiben. Der Gedenk- und Bildungsstätte Israelitische Töchterschule liegt ein Konvolut an Briefen vor, welches die Nachrichten ehemaliger Schülerinnen an ihre 1933 nach Palästina ausgewanderte Lehrerin, Lilli Traumann, umfasst. Die liebevoll geschriebenen und gestalteten Briefe der Kinder stellen insbesondere den Trennungsschmerz von ihrer Lehrerin sowie die Hoffnung auf ein Wiedersehen in Palästina in den Mittelpunkt. Leider sind zu vielen der Mädchen bislang keine weiteren biografischen Hintergründe bekannt.

Quelle: Archiv Israelitische Töchterschule.

Briefe von Ruth Moses

Ruth Moses wurde am 1.5.1925 in Altona geboren. Sie war Schülerin der Israelitischen Töchterschule und ging in die Klasse von Lilli sowie Susi Traumann, welche 1933, nach der Auswanderung ihrer Schwester, das dritte Schuljahr übernahm. Ruths Eltern waren Iwan und Rifka Becky Moses, geborene Grünberg. Ruths Vater, gelernter Buchbinder, arbeitete zu Beginn des 20. Jahrhunderts in verschiedenen Druckereien, so beispielsweise in der Druckerei des Verlags Konrad Hanf sowie in der Buchdruckerei Hans Artmann. Ruths Mutter war bis 1941 als Stenotypistin bei der russischen Handelsmission tätig. Zu einer geplanten Auswanderung der Familie ist es aus bislang ungeklärten Gründen nicht gekommen. Am 8.11.1941 wurde Ruth, gemeinsam mit ihren Eltern, nach Minsk deportiert.

Quelle: Archiv Israelitische Töchterschule.

Hilde Dublon

Hilde Dublon wurde am 10.9.1924 in Lüneburg als Tochter von Daniel und Gretchen Dublon geboren. In den 1930er-Jahren zog ihre Familie nach Hamburg, wo ihr Vater als Viehhändler im Karolinenviertel arbeitete und Hilde die Israelitische Töchterschule in der heutigen Karolinenstraße besuchte. Am 19. Juli 1942 wurde sie, gemeinsam mit ihren Eltern sowie ihrer Tante Henni Dublon, nach Theresienstadt deportiert. Dort starb sie am 15. Mai 1943 mit nur 18 Jahren an Typhus. Ihre Eltern überlebten das Konzentrationslager. Während Gretchen nach dem Krieg in die USA auswanderte, lebte Daniel bis zu seinem Tod im Jahr 1960 in Hamburg und belieferte die Jüdische Gemeinde mit koscherem Fleisch. Der Bildungs- und Gedenkstätte Israelitische Töchterschule liegen heute Briefe, Postkarten und Fotos vor, welche Hilde nach 1933 von Hamburg aus an ihre emigrierte Schulfreundin Ruth Cohen in Palästina versendet hatte.

Quelle: Archiv Israelitische Töchterschule.

Poesiealbum Irma Heimann

In diesem Poesiealbum der jüdischen Schülerin Irma Heimann, geb. 1922, schrieben viele ihrer Familienangehörigen und Freundinnen die auch noch heute üblichen Sinnsprüche und Wünsche. Irma nahm das Poesiealbum mit, als die Familie emigrierte. Es finden sich Eintragungen auf Französisch und später auf Englisch. Das Poesiealbum dokumentiert das Beziehungsnetzwerk einer Jugendlichen zu Beginn der 30er-Jahre. In Zeiten von Flucht, Verfolgung und Krieg konnten diese Verbindungen nur noch schriftlich aufrechterhalten werden, überdauerten aber oft bis lange nach 1945.

Quelle: Archiv Israelitische Töchterschule.

Erinnern an Schule

Da Schulen prägend sind für Kinderbiografien, ist auch die Erinnerung an die eigene Schulzeit oftmals wichtig für Überlebende der Schoah. Nach 1945 erinnerten lange nur die Überlebenden selbst auf unterschiedliche Weise an das ehemalige jüdische Schulleben Hamburgs. So trafen sich 1954 ehemalige Lehrerinnen und Lehrer der Loewenberg-Schule in Israel. Erst ab den 1980er-Jahren bemühten sich engagierte Hamburgerinnen und Hamburger um eine Aufarbeitung der Geschichte, vor allem die Lehrerin Ursula Randt ist hier zu nennen. Ein öffentliches Gedenken an das jüdische Schulleben fand erst 1989 mit der Einrichtung der Gedenk- und Bildungsstätte Israelitische Töchterschule unter der Trägerschaft der Hamburger Volkshochschule statt.

Foto: Dieter Guderian.

Ursula Randt

Die Sprachpädagogin und Autorin Ursula Randt (1929–2007) hat sich wie keine andere um die Aufarbeitung des jüdischen Schulwesens in Hamburg bemüht. Seit Ende der 1970er-Jahre widmete sie sich engagiert und meist ehrenamtlich diesem Thema, nahm Kontakt mit Überlebenden in der ganzen Welt auf und setzte sich couragiert für ein städtisches Gedenken ein. Seit Anfang der 1970er-Jahre war sie als Sprachheilpädagogin in der Karolinenstraße 35 tätig, wo sich nach dem Krieg eine Sprachheilschule befand. Als sie durch Überlebende von der Geschichte des Gebäudes erfuhr, machte sie es zu ihrer Aufgabe, die Geschichte der jüdischen Schulen wieder sichtbar zu machen. Zahlreiche Publikationen folgten, die bis heute Standardwerke zum Thema sind. Aus ihren jahrzehntelangen Korrespondenzen mit ehemaligen Schülerinnen und Schülern jüdischer Schulen ist eine wertvolle Dokumenten- und Fotosammlung entstanden, die heute auf mehrere Archive aufgeteilt ist. Als kenntnisreiche Chronistin und gute Zuhörerin war sie auch für die Überlebenden eine wichtige Vertrauensperson. Für ihre wissenschaftlichen Verdienste wurde ihr 1989 die Ehrendoktorwürde verliehen.

Ausführliche Biografie zu Ursula Randt

Naturkunderaum in der Israelitischen Töchterschule

Da Physik- sowie Chemieunterricht seit Beginn des 20. Jahrhunderts Teil des Lehrplans war, konnte die Israelitische Töchterschule mit der Errichtung eines Naturkunderaumes im Jahre 1930 den zeitgenössischen Forderungen einer modernen Mädchenbildung weiter nachkommen. Der heute denkmalgeschützte Raum mit seiner Vielzahl an originalen Exponaten ist der Öffentlichkeit zugänglich und Teil der Ausstellung „Jüdisches Schulleben am Grindel“ in der 1988 im Gebäude der ehemaligen Mädchenschule etablierten Gedenk- und Bildungsstätte Israelitische Töchterschule.

Foto: Markus Scholz/VHS.

Kurt Goldschmidt

Kurt Goldschmidt wurde am 30. März 1923 im Hamburger Stadtteil St. Pauli als Sohn eines jüdischen Vaters und einer christlichen Mutter geboren. Nach dem Abitur 1938 wurde er Lehrling bei der jüdischen Import- und Exportfirma Frankfurter & Liebermann. Kurz darauf, als nach dem Novemberpogrom 1938 jüdische Unternehmen „arisiert“ wurden, verlor er seine Anstellung. Als die jüdische Gemeinde Hamburg begann, Berufsausbildungsprogramme anzubieten, um jüdische Jugendliche auf die Auswanderung nach England vorzubereiten, entschied sich Goldschmidt für die Ausbildung zum Schlosser. Während der Unterricht an der Israelitischen Töchterschule in der Karolinenstraße stattfand, erhielt er seine praktische Ausbildung in einer Metallwerkstatt in der Weidenallee. Nach weniger als einem Jahr wurde die Werkstatt von der Gestapo geschlossen und er und seine Klassenkameraden wurden zur Herstellung von Militärausrüstung gezwungen. Anfang 1945 wurde Goldschmidt nach Theresienstadt deportiert, wo er bis zu seiner Befreiung durch die Rote Armee am 9. Mai 1945 interniert blieb. Er und seine Frau Sonja heirateten 1949 in Hamburg. Nach einem einjährigen Besuch in den Vereinigten Staaten wanderten sie nach New York aus, wo sie bis heute leben.

Quelle: Archiv Israelitische Töchterschule.

Kurt Goldschmidt

Im Juni 2019 besuchte Kurt Goldschmidt noch einmal seine alte Schule im Rahmen des Besucherprogrammes des Hamburger Senats. Eine seiner schönsten Schulerinnerungen war das Tischtennisspielen hinter der Schule mit seiner ersten Freundin Esther Jonas, Tochter des ehemaligen Schulleiters Dr. Alberto Jonas. Obwohl er seit vielen Jahren in den Vereinigten Staaten lebt, betrachtet er sich selbst immer noch in erster Linie als einen „echten Hamburger“.

Quelle: Archiv Israelitische Töchterschule.