Rulandseck, November 1938, Herbert Heinemann: Die Drei Rulands, Reichssender Hamburg, 23.11.1938 (00:00-1:58)

    [Klaviermusik]

    [Gesang setzt ein]
    Ham Se nicht den kleinen Cohn gesehn?
    Ham Se'n in der Inflation gesehn,
    Wie er Dollars raffte,
    Jede Schiebung schaffte?
    Es diente seinem Zweck
    Selbst noch der kleinste Dreck!
    Denn
    In der Kunst wie in der Konfektion,
    Überall hat einst der kleine Cohn
    Sein Geschäft verrichtet,
    Ware aufgeschichtet.
    Doch heut weiß Hinz und Kunz:
    Damit ist Schluß bei uns.

    [Sprecher:]
    Wie jetzt erst allgemein bekannt geworden ist, besitzen die siebenhunderttausend Juden  Diese Zahl ist weit überhöht. Nach den Ergebnissen der Volkszählung lebten im Mai 1939 noch 302.000 „Glaubensjuden“ in Deutschland und Österreich. Berücksichtigt man, dass nach dem Novemberpogrom eine panikartige Flucht einsetzte, dürfte die Zahl der im Deutschen Reich lebenden Juden im November 1938 zwischen 350.000 und 400.000 gelegen haben., die
    in Deutschland verblieben sind, noch ein Vermögen von acht Milliarden Mark.

    [Klaviermusik, Melodie „Zehn kleine…“]

    [Gesang setzt ein]
    Acht Milliarden Märkerchen
    Die waren ihnen verblieben,
    Die eine wurde strafgeblecht,
    Da waren's nur noch sieben.
    [Klaviermusik, Ende des Lieds]
    [Gesang setzt ein]
    Darüber ist das Ausland jetzt empört,
    Und man zetert: Ham Se schon gehört?
    Nein, was denn?
    Ach es ist zum Gotterbarmen
    Denn es haben diese Armen
    heute nur noch sieben Milliarden Mark
    Ach, was haben sie gelitten,
    Jetzt wird ihnen unbestritten
    Auch noch das Geschäft beschnitten,
    Nein, das ist stark.
    Man weint;
    und unserer Westbefestigung setzt
    man dicke Klagemauern jetzt
    Ent-ge-gen.

    Ja, draußen
    wird mit den Wölfen jetzt geheult,
    Es wird gegruselt und gegräult,
    Na, schön.

    [Klaviermusik]

    [Gesang setzt ein]
    Ham Se nicht den kleinen Cohn gesehen?
    Ham Se'n in der Inflation gesehn,
    Wie er Dollars raffte,
    Jede Schiebung schaffte?
    Es diente seinem Zweck
    Selbst noch der kleinste Dreck!
    Denn
    In der Kunst wie in der Konfektion,
    Überall hat einst der kleine Cohn
    Sein Geschäft verrichtet,
    Ware aufgeschichtet.
    Doch heut weiß Hinz und Kunz:
    Damit ist Schluß bei uns.

    []

    Mit freundlicher Genehmigung des Deutsches Rundfunkarchiv (DRA), Frankfurt.

    Quellenbeschreibung

    Der Ausschnitt ist Teil einer Kabarettsendung, die unter dem Titel „Rulands-Eck“ monatlich von verschiedenen Radiosendern ausgestrahlt wurde. Verantwortlich für die Gestaltung dieser Sendung war ein Gesangstrio, das sich „Die Drei Rulands“ nannte. Die am 23.11.1938 vom Reichssender Hamburg ausgestrahlte Folge des „Rulands-Ecks“ widmet sich wenige Tage nach dem Novemberpogrom von 1938 fast ausschließlich der antisemitischen Propaganda. Begleitet wurde das Trio am Klavier von Herbert Heinemann, der dabei auf populäre Melodien („Hab’n Sie nicht den kleinen Cohn geseh’n?“, „Zehn kleine Negerlein“, „Was kann der Sigismund dafür?“) zurückgriff.

    Von dieser Sendung, die insgesamt fast sieben Minuten dauerte, wird hier der erste Teil wiedergegeben, der direkt Bezug nimmt auf die antijüdischen Maßnahmen, die das NS-Regime nach dem Novemberpogrom ergriffen hatte. Diese Maßnahmen werden von den „Drei Rulands“ in ihren Konsequenzen heruntergespielt und gleichzeitig indirekt gerechtfertigt.
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    Empfohlene Zitation

    Rulandseck, November 1938, Herbert Heinemann: Die Drei Rulands, Reichssender Hamburg, 23.11.1938 (00:00-1:58), veröffentlicht in: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, <https://dx.doi.org/10.23691/jgo:source-96.de.v1> [18.08.2017].