Rachel Dror (01153/sdje/0048). Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, 20.6.2012 (Berlin). Durchführung: Lennart Bohne, Daniel Hübner und Barbara Kurowska. Transkription und Bearbeitung. Teresa Schäfer. Kapitel 2.5 und 2.7

    Sequenz I: 0:35:36 – c0:36:59 min.
    …ja als ich das sah hab ich gedacht da muss was Schlimmes passiert sein. Und ich bin schneller gegangen. Und wie ich an unsere Straßenkreuzung kam, wir hatten das war so ne Kreuzung, ungefähr dort haben wir gewohnt [gestikuliert] und hier an der Kreuzung direkt war ein Kiosk. Und ähm an diesem von diesem Kiosk haben wir täglich bis zu dem Datum täglich unsere Zeitschriften und Zeitungen geholt und der Mann kannte mich. Aber der hatte Zeitungen so übereinander gestapelt [gestikuliert] und das sah aus als ob da Blut rübergelaufen ist oder rote Farbe gestrichen worden ist. Und das waren die Flammen der Synagogen die in der Nacht vom neunten auf zehnten November angezündet wurden. Und eine Riesenmenge davor. Und S-Sie sehen meine Größe Sie wissen wie groß ich bin ich musste mich auf recken und trotzdem konnte ich nicht über die Leute rübersehen. Aber der Verkäufer hat mich erkannt und der kam stellte sich so hin mit den Händen in der Hüfte »na Judje willste auch sehen wie deine Synagogen brannten«, er war Berliner. Und da hab ich gedacht »Synagogen brannten?« Ich wusste von nichts. Weil wir haben geschlafen, bei uns waren keine Männer, unser Haus wurde nicht durchsucht, es war alles okay. Und da bin ich sofort ins Heim []


    Sequenz II: 0:43:49 – 0:45:44 min.
    1933 mussten wir das verkaufen. Aber ich war ja weg, ich war ja nicht zu Hause. Und ich kannte die neue Wohnung noch nicht. Und da bin ich da hin. Und mein Vater hatte keine Schlüssel. Das konnt ich überhaupt nicht verstehen. Mein Vater ein selbstständiger Mann. Und er klingelte und meine Mutter öffnete die Tür und hinter ihr stand mein Bruder, hielt sie da am Rock. Und da sagte sie »Abusch, das ist nur die Rachel«, Abusch war sein Ko-Kosename. »Das ist nur die Rachel, du brauchst keine Angst haben.« Denn meinen Bruder hat man nachts um halb zwei mit einem elektrischen Ofen, der auf seinem Nachttisch stand, er hatte nur -n Bett und -n Nachttisch in seinem Zimmer, seine Kleider hatte er bei meiner Mutter, weil es war nur ein halbes Zimmer, -n schmales Zimmer. Und mit diesem Ofen hat man ihn geweckt, »Saujud steh auf« Und er hat -n Schock gehabt und hat seine Sprache verloren und hat seit der Zeit nur gestottert. Und er hatte schreckliche Angst wenn er irgendein Geräusch gehört hat und er hat gesehen wie mein Vater mit einer Ofenklinke, das haben die Leute die kamen mit Axt rein. Und das erste was die gemacht haben mit der Axt die die Klinke von der Ofentür, das war eine ähm eiserne Ofentür -ne eisern geschmiedete Ofentür äh die haben sie abgeschlagen und mit dieser mit dieser Klinke haben sie nach ihm geworfen. Und da hat er hier so -ne Beule bekommen. Und ähm mein Bruder hat das alles gesehen! Wir hatten kein Glas, wir hatten kein Stuhl, wir hatten kein T- es war nichts mehr da! Und als ich das sah, hab ich gedacht ich fahr weg. Hier bleib ich nicht! Mein Vater hat gesagt: »Wo fährst du hin?« »nach Palästina

    Quellenbeschreibung

    Die beiden ausgewählten Sequenzen  Sequenz I: 0:35:36 – 0:36:59 min und Sequenz II: 0:43:49 – 0:45:44 min. des Interviews mit Rachel Dror thematisieren ihre Erfahrungen während und nach der Pogromnacht in Hamburg, wo sie sich gemeinsam mit anderen jüdischen Jugendlichen auf ein Leben in Palästina vorbereitete, sowie ihre anschließende Rückkehr ins Elternhaus nach Königsberg. Das lebensgeschichtliche Videointerview wurde am 20.6.2012 für das Interviewprojekt „Sprechen trotz Allem“ der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas aufgenommen. Das Interviewprojekt beschäftigte sich mit Überlebenden, die aus Städten in den früheren deutschen Ostgebieten – wie Königsberg – stammten sowie mit Überlebenden aus deutschsprachigen Orten Mittelosteuropas wie Czernowitz, Lemberg oder Riga, in denen es bedeutende jüdische Gemeinden gab. Das Interview wurde im Ort der Information, den Ausstellungsräumlichkeiten unter dem Holocaust-Denkmal in Berlin, geführt. Die Interviewer waren Lennart Bohne, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, und Barbara Kurowska, freie wissenschaftliche Mitarbeiterin des Interviewprojekts. Für Kamera, Licht und Ton war Daniel Hübner, freier IT-Mitarbeiter des Interviewprojekts, verantwortlich. Das Interview wurde in deutscher Sprache geführt und hat eine Länge von 130:05 Minuten. Es sind zwei Schnitte, aufgrund von einer kurzen Unterbrechung und einer im Vorhinein abgesprochenen Pause nach etwa neunzig Minuten, vorhanden. Die Transkription und Bearbeitung wurden von Teresa Schäfer, einer freien wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Interviewprojekts, durchgeführt. Die Signatur des Interviews lautet: 01153/sdje/0048.
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    Empfohlene Zitation

    Rachel Dror (01153/sdje/0048). Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, 20.6.2012 (Berlin). Durchführung: Lennart Bohne, Daniel Hübner und Barbara Kurowska. Transkription und Bearbeitung. Teresa Schäfer. Kapitel 2.5 und 2.7 (übersetzt von Insa Kummer), veröffentlicht in: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, <https://dx.doi.org/10.23691/jgo:source-89.de.v1> [13.12.2017].