Selbstbehauptung und geistiger Widerstand. Zur Geschichte des Jüdischen Gemeinschaftshauses in Hamburg

Barbara Müller-Wesemann

Quellenbeschreibung

Mit der Gründung des Jüdischen Gemeinschaftshauses im Hamburger Stadtteil Rotherbaum und seiner feierlichen Einweihung am 9.1.1938 wurde ein unübersehbares Zeichen der Selbstbehauptung und des geistigen Widerstands gesetzt, das auch in der Eröffnungsrede des Bankiers Max Moritz Warburg sowohl mit Worten als auch zwischen den Zeilen zum Ausdruck kam. Das schreibmaschinengeschriebene Manuskript der Eröffnungsrede umfasst insgesamt 6,5 Seiten und befindet sich im Leo Baeck Institut in New York. Dank Warburgs finanzieller und ideeller Unterstützung konnte das Projekt „Jüdisches Gemeinschaftshaus G.m.b.H“ verwirklicht und damit eine Spielstätte für den von seinen bis dahin genutzten Bühnen vertriebenen Jüdischen Kulturbund Hamburg geschaffen werden. Warburg war einer der wichtigsten Förderer des Kulturbundes, aber auch dessen Verteidiger in den ständigen Auseinandersetzungen mit der Deutsch-Israelitischen Gemeinde. Die Einweihung des Gemeinschaftshauses in der Hartungstraße 9–11 stellt zweifellos einen wichtigen Markstein im Hamburger jüdischen Kulturleben unter dem NS-Regime dar, doch ist es gerade seine Vor- und Nachgeschichte, die diesen Ort so besonders macht.
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Die Vorgeschichte des Hauses


Die Geschichte beginnt bereits Mitte des 19. Jahrhunderts, als in der Hartungstraße die sogenannte „Pfennigsche Villa“, benannt nach ihrem Bauherrn, dem Hamburger Kaufmann Ferdinand Pfennig, errichtet wurde. 1904 erwarb die Gesellschaft „Logenheim“ das Haus, in das nach einem umfassenden Umbau die Henry Jones-Loge (Vorsitz Gustav Tuch) einzog. Durch die Aufnahme von unter anderem zwei weiteren jüdischen Logen, des Hamburgischen Vereins für jüdische Literatur und Geschichte sowie der Gesellschaft für jüdische Volkskunde, entwickelte sich dieser Ort sehr schnell zum Mittelpunkt des jüdischen Lebens in der Hansestadt. Bedingt durch die Weltwirtschaftskrise wurde das Gebäude 1930 an den Bau-Verein Hamburger Anthroposophen verkauft, wobei die Räumlichkeiten auch weiterhin von den jüdischen Institutionen für kulturelle Veranstaltungen genutzt werden konnten. Fünf Jahre später wurde die Anthroposophische Gesellschaft reichsweit durch das NS-Regime verboten und das Haus geräumt und versiegelt. Da das Grundstück mit einer Hypothek der Jüdischen Gemeinde belastet war, fand sich auf lange Sicht kein Kaufinteressent, woraufhin die Gestapo schließlich der Gemeinde selbst ein „Kauf-Angebot“ machte.

So entstand am 1.2.1937 die Jüdische Gemeinschaftshaus GmbH. Möglich geworden war der Erwerb mit Hilfe einer großangelegten Spendenaktion, deren Gelingen insbesondere der Initiative Max Moritz Warburgs zu verdanken war. Max Moritz Warburg, Teilhaber des Bankhauses M.M. Warburg und Co., galt als einer der bedeutendsten Bankiers seiner Zeit.

Das Für und Wider des Jüdischen Gemeinschaftshauses


Das Projekt erfreute sich jedoch keineswegs einhelliger Zustimmung und stieß auf verschiedene Hürden, wie Warburg in seiner Rede schildert. Angesichts der zunehmenden Vertreibung und eines angeblich nachlassenden Interesses für kulturelle Veranstaltungen bemängelten seine Kritiker vor allem den hohen finanziellen Aufwand. Des Weiteren befürchteten sie, dass mit der Einrichtung des Gemeinschaftshauses das „geistige Ghetto“, in dem man sich ja bereits befinde, erst recht konkrete Gestalt annehmen werde. Die Befürworter des Projekts, die sich am Ende durchsetzen konnten, hoben ihrerseits vor allem den psychologischen Wert hervor. Unter dem Schutz einer jüdischen Institution werde ein gesellschaftliches und kulturelles Zentrum entstehen, das eine „moralische Kraftquelle“ darstelle und dazu beitragen könne, „dass die jüdischen Menschen wieder Sammlung und Haltung finden, innere Ruhe und höheren Frieden“.

Die Funktionen des Jüdischen Gemeinschaftshauses


Für den weitreichenden Umbau wurden die bedeutenden Architekten Fritz Block, Ernst Hochfeld und Oscar Gerson engagiert. Der Bankier Martin E. Goldschmidt stellte sich als Geschäftsführer zur Verfügung, und unter dem Vorsitz des Rechtsanwalts Rudolf Samson wurde ein vierzehnköpfiger Verwaltungsbeirat geschaffen. Neben der Bühne und dem Theatersaal bot das Haus eine Bibliothek, einen Vortragsraum, ein Restaurant und im Keller eine Kegelbahn. Genutzt werden sollten diese Einrichtungen vor allem vom Jüdischen Kulturbund, der Franz-Rosenzweig-Gedächtnis-Stiftung sowie kleineren Vereinen und Arbeitsgemeinschaften.

Warburgs Kritik an der antijüdischen Politik der Nationalsozialisten


In seiner viel beachteten Rede nannte Warburg die Ausschaltung der Juden aus vielen Betätigungsfeldern eine schwere Last, die jede Freude dämpfe. Gleichwohl gelte es, den Tatsachen in die Augen zu sehen und sich nicht von den Sorgen erdrücken zu lassen. Mit dem Gemeinschaftshaus, so fuhr Warburg fort, habe man eine „Stätte der Sammlung, der Erhebung und damit auch der Lebensbejahung und –Freudigkeit“ geschaffen. Die Gemeinschaft sei dafür da, die Menschen davor zu schützen, „zermalmt“ zu werden „vom Kleinkrieg des Lebens“, nicht verloren zu gehen „in trüber Luft und in unruhigem Treiben“. Ungeachtet der anwesenden Gestapo-Beamten wies er unmissverständlich auf die Ausgrenzung und Demütigung der jüdischen Bevölkerung hin. Und Warburg ging noch einen Schritt weiter, indem er das Theater als „moralische Kraftquelle“ bezeichnete und somit der Kunst Identität stiftende und Mut machende Werte zuschrieb:„Wer diese Wahrheit empfindet, wird frei.“ Dass er diese Botschaft mit einem „Faust“-Zitat aus dem „Vorspiel auf dem Theater“ untermauerte und sich damit über das Verbot, Goethe auf jüdischen Bühnen zu spielen oder zu zitieren, hinwegsetzte, scheint den Zensoren entgangen zu sein. Überhört wurde offenbar auch, dass sich Warburg mit seiner Mahnung, die „Gesetzesvorschriften unserer Heimat“ zu befolgen, im Namen aller Anwesenden zu Deutschland bekannte, während er zugleich dazu aufrief, Privatautos nicht in der Hartungstraße zu parken sowie das Haus schweigend zu betreten und zu verlassen, das heißt für die nicht-jüdischen Nachbarn praktisch unsichtbar zu bleiben. Mit nur drei Wörtern hatte der Redner die derzeitige Lage der deutschen Juden ebenso treffend wie provokant umschrieben.

Der jüdische Kulturbund


Der Jüdische Kulturbund war seit seiner Gründung im Jahre 1934, insbesondere dank seiner künstlerischen Vielfalt für viele Betroffene der einzige Ort, an dem sie ihren kulturellen Bedürfnissen, wenn auch im begrenzten Rahmen, nachgehen konnten. Zufluchtsort für eine Gemeinschaft der Ausgegrenzten zum einen, bekundete der Kulturbund zum anderen unermüdlich den Willen, gerade durch die Pflege der abendländischen Kunst und Kultur der physischen und psychischen Zermürbung der ihm angehörenden Menschen zu trotzen. In einer Gemeinschaft wie dem Kulturbund war es immer wieder möglich, auf zwei Ebenen zu kommunizieren, das heißt parallel zum gesprochenen Wort zugleich etwas Unausgesprochenes zu vermitteln, sich also in einer Art subversiver Kommunikation über die real existierende Lebenssituation zu verständigen. Wie in anderen Diktaturen auch hatte das Theater damit eine Ventilfunktion übernommen.

Ein rebellischer Spielplan


Betrachtet man den Spielplan des Jüdischen Kulturbundes, so lassen sich dafür zahlreiche Beispiele anführen. Verwiesen sei auf Richard Beer-Hofmanns Drama „Jaakobs Traum“, das unter Berufung auf das Alte Testament von der Erwählung des Volkes Israel erzählt und – zeitgleich mit dem Erlass der Nürnberger Rassegesetze – im September 1935 das Schauspielprogramm eröffnete. Eindringlicher und visionärer hätte das Hamburger jüdische Publikum wohl kaum mit jüdischer Identität und jüdischem Schicksal konfrontiert werden können. Dass diese theatralische Provokation bei den Zensoren kaum Beachtung fand, schmälert nicht deren Bedeutung als ein demonstrativer Akt des Aufbegehrens und der Auseinandersetzung mit der politischen Wirklichkeit. Erinnert sei auch an die Tänzerin und Choreographin Erika Milee, deren chorische Tanzfeier „Der Sieg der Makkabäer“ weit über die historische Dimension hinaus ein zeitloses Sinnbild der Revolte gegen jede Form der Repression darstellte. Und dass ein klassisches Drama wie „Hamlet“ die Befindlichkeit der Künstler und des Publikums zur Sprache brachte, lässt sich an Hand der ausführlichen Berichterstattung vor und nach der Aufführung belegen. Gerade an dieser Shakespeare-Inszenierung sollte sich zeigen, dass sich das künstlerische Selbstverständnis der Kulturbund-Verantwortlichen, die eine Streichung des zentralen Monologs „Sein oder Nicht Sein“ nicht akzeptieren wollten, erfolgreich gegen die geistige Verblendung der Berliner Zensoren durchsetzen konnte. Aber auch die Stücke des Komödiendichters Franz Molnar stellten die aufgezwungene gegenwärtige Lebenssituation an den Pranger. Der große Zuspruch zu Willy Hagens Programmen beweist, wie sehr dieser Kabarettist trotz wiederholter Eingriffe der Zensur immer wieder als Sprachrohr seiner großen Zuhörerschaft diente.

Das Ende des jüdischen Gemeinschaftshauses


Im Januar 1939 wurde der Kulturbund Hamburg von den NS-Behörden als eigenständiger Verein aufgelöst. Die Institution als solche und damit auch das jüdische Gemeinschaftshaus blieben bestehen. Als Zweigstelle des Jüdischen Kulturbundes in Deutschland mit Sitz in Berlin präsentierte man Gastspiele der Berliner Theatertruppe, Kammerkonzerte, Bunte Abende und vor allem Filme. Am 11.9.1941 wurde der Jüdische Kulturbund in Deutschland von der Gestapo liquidiert. Das Gemeinschaftshaus in der Hartungstraße diente wenige Wochen später als Proviant- und Versorgungsstelle für die jetzt einsetzenden Deportationen. Am 11.7.1942 wurde es selbst Sammelstätte für einen der Hamburger Transporte nach Auschwitz. Nach den Bombenangriffen der Alliierten und der teilweisen Zerstörung der Theater im Jahr 1943 wurde das Haus zum Ausweichquartier des Thalia Theaters und neun Monate später im Zuge der totalen Mobilisierung zu den „Ufa-Kammerspielen“.

Das Haus in der Hartungstraße nach 1945


Am 10.5.1945 erfolgte die Beschlagnahmung durch die britische Militärregierung. Der Army Welfare Service richtete ein Kabarett ein, doch bereits im Juli desselben Jahres stellte die Hamburger Kulturverwaltung den Antrag, das Haus in der Hartungstraße für „Kammerspiele“ freizugeben. Verantwortlich für diesen Vorstoß war die jüdische Schauspielerin Ida Ehre, die, maßgeblich unterstützt von dem britischen Theateroffizier John Olden, eine Spielstätte suchte, um dort „menschliche Probleme und Probleme der Welt“ zu Wort kommen zu lassen. Der Appell wurde erhört und Ida Ehre Pächterin der Jüdischen Gemeinschaftshaus GmbH. Am 10.12.1945 konnten die Hamburger Kammerspiele mit Robert ArdreysLeuchtfeuer“ eröffnet werden. Mit ihrem „Theater der Menschlichkeit“, das ganz im Zeichen der Versöhnung der Völker stehen sollte, zitierte die Prinzipalin fast wörtlich die von Max Moritz Warburg in seiner bei der Eröffnung des Jüdischen Gemeinschaftshauses 1938 gehaltenen Rede ausgedrückte Hoffnung: Das Theater müsse, so konnte man im Programmzettel vom Dezember 1945 lesen, „nur dem einzigen Ziel dienen, dem Ziel aller echten Kunst: die ewigen Wahrheiten zu suchen und ihnen Ausdruck zu verleihen“.

Auswahlbibliografie


Barbara Müller-Wesemann, Theater als geistiger Widerstand. Der Jüdische Kulturbund in Hamburg 1934-1941, Stuttgart 1996.

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Zur Autorin

Barbara Müller-Wesemann, Dr. phil., war bis 2009 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Theaterforschung und Dozentin am Institut für Germanistik II der Universität Hamburg. Sie war Mitbegründerin des Nachwuchsregie-Festivals Die Wüste lebt (1996 – 2002) und konzipierte das Körber Studio Junge Regie, das sie seit seinem Beginn 2003 auch mitorganisiert. Veröffentlichungen: Marketing am Theater (1991); Theater als geistiger Widerstand. Der Jüdische Kulturbund in Hamburg 1934 bis 1971 (1997); diverse Aufsätze zu jüdischen Künstlern und zur Hamburger Theatergeschichte.

Zitationsempfehlung und Lizenzhinweis

Barbara Müller-Wesemann, Selbstbehauptung und geistiger Widerstand. Zur Geschichte des Jüdischen Gemeinschaftshauses in Hamburg, in: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, 08.06.2017. <https://dx.doi.org/10.23691/jgo:article-136.de.v1> [25.11.2017].

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