Eintopfsammlung. Die Jüdische Winterhilfe in Hamburg

Ina Lorenz

Quellenbeschreibung

Fünf Zeichnungen warben in verschiedenen Ausgaben des Gemeindeblattes beziehungsweise des Jüdischen Gemeindeblattes für das Gebiet der Hansestadt Hamburg im Winter 1937/38 um Spenden an die Jüdische Winterhilfe. Sie zeigen am Rande die Signatur „Growald“. Hinter dieser Signatur verbirgt sich der Berliner Gebrauchsgrafiker Hans Rudolf Growald.

Die fünf Titel lauteten in Großbuchstaben: „Jeder Kopf denkt an den Eintopf“ – das Bild zeigt einen lachenden Suppentopf mit fünf lachenden Köpfen darüber schwebend und „Ein einfaches Exempel: Sonntagsbraten minus Eintopfgericht gleich Winterhilfsspende“ – diese Rechenaufgabe zeigt einen Topf als Lehrer mit Zeigestock an einer Schreibtafel – sowie „Helft leere Öfen und Töpfe füllen“ – hier weint ein leerer Ofen bitterlich und zeigt einen leeren, ebenfalls weinenden Suppentopf – und zum Schriftzug „Eintopfsammlung“ rührt ein lachendes Männchen als eine Eins gezeichnet mit einem Löffel in einem dampfenden Suppentopf, also eine Art Bilderrätsel für EINTOPF. Als ein Appell an das Jüdischsein steht ernsthaft und abweichend von den vier anderen Zeichnungen der Schriftzug „Jüdische Winterhilfe 1937/1938“ und im Hintergrund ist ein brennender Chanukkaleuchter vor dem Logo der Jüdischen Winterhilfe, ein kombiniertes J auf einem W und darüber ein Davidstern, zu sehen.

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Das Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde beziehungsweise das Jüdische Gemeindeblatt, wie es sich seit Mai 1937 nennen musste, veröffentlichte vielfach Spendenaufrufe; die Zeichnungen von Hans Rudolf Growald blieben aber die einzigen, die durch Bilder die Aufmerksamkeit des Lesers wecken sollten. Über den Gebrauchsgrafiker Growald ist wenig bekannt. Er wurde 1902 in Berlin geboren und besuchte dort die jüdische Taubstummenschule in Wannsee. Im Oktober 1941 wurde er zusammen mit seiner Frau Edith nach Lodz und von dort im Mai 1942 nach Chelmno deportiert. Dem Ehepaar gelang es noch rechtzeitig, ihren einzigen Sohn Ernst mit einem Kindertransport nach Großbritannien zu schicken und ihm damit das Leben zu retten. 2013 wurden zwei Stolpersteine für Edith und Hans Rudolf Growald im Berliner Stadtteil Charlottenburg-Wilmersdorf verlegt. Das zeichnerische Werk des Grafikers gilt als verschollen. Erhalten blieben lediglich sieben Zeichnungen, die zu Spenden für das Jüdische Winterhilfswerk aufriefen und im Jüdischen Nachrichtenblatt – dem einzigen jüdischen Presseorgan in Deutschland nach dem Novemberpogrom 1938 – in den Jahren 1939 bis 1941 veröffentlicht wurden, sowie eine Werbung für die Eintopfsammlung 1937, die in den Monatsblättern des Jüdischen Kulturbundes Hamburg und in den Monatsblättern des Berliner Jüdischen Kulturbundes erschien. Die fünf hier erstmals wieder präsentierten Spendenaufrufe von 1937 und 1938 aus dem Hamburger Jüdischen Gemeindeblatt sind bislang nirgendwo verzeichnet.

Die Zeichnungen erscheinen für den Betrachter wenig traurig oder mitleidheischend, auch wenn ein leerer Ofen und ein nicht gefüllter Suppentopf Tränen vergießen. Sie wirken eher gelassen und geradezu fröhlich. Die Botschaft lautet: Jeder kann mit einem kleinen finanziellen Beitrag Gutes bewirken und Freude bereiten, jede Spende kann helfen, Hungrige zu sättigen.

Wofür werben nun die bildnerischen Spendenaufrufe? – Entstehungsgeschichte der Jüdischen Winterhilfe


Das Winterhilfswerk des Deutschen Volkes war sowohl zur Entlastung der staatlichen Arbeitslosenfürsorge im „Dritten Reich“ am 13.9.1933 als auch zur Stärkung der propagierten „Volksgemeinschaft“ gegründet worden. Auch Juden nahmen in den ersten beiden Winterjahren am Winterhilfswerk des Deutschen Volkes teil. Das änderte sich 1935 mit dem Erlass der „Nürnberger Gesetze“: Juden wurden jetzt von den karitativen Maßnahmen des allgemeinen Winterhilfswerks ausgeschlossen. Eine Konsequenz des Ausschlusses von Juden aus dem allgemeinen Winterhilfswerk (NS-Volkswohlfahrt) war etwa, dass jüdische Schulen keine Zuschüsse mehr erhielten, um beispielsweise ein Milchfrühstück anbieten zu können.

Noch im September 1935 kam es daher zu einer Vereinbarung zwischen dem Reichsbeauftragten der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) und der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden. Danach wurde den jüdischen Gemeinden die Durchführung eines eigenen jüdischen Winterhilfswerkes aufgetragen. Juden wurden nun auch nicht mehr um Spenden für das allgemeine Winterhilfswerk gebeten, sie hatten vielmehr für ihr eigenes Winterhilfswerk zu spenden. Die Jüdische Winterhilfe hatte alle hilfsbedürftigen Personen zu betreuen, die Juden im nationalsozialistischen Sinne waren, also auch die „Rassejuden“ Antisemitischer Begriff der nationalsozialistischen Rassenlehre, mit dem Personen auf Grund ihrer Zugehörigkeit und der ihrer Vorfahren zur jüdischen Religion als Juden im Sinne der nationalsozialistischen Reichsbürgergestze vom November 1935 galten.. Bei einer „Mischehe“ war aufgrund staatlicher Anordnung die Jüdische Winterhilfe zuständig, wenn der Haushaltungsvorstand Jude im Sinne des Reichsbürgergesetzes Gesetz, welches am 15.9.1935 von den Nationalsozialisten verabschiedet wurde und welches den Juden sämtliche politischen Rechte nahm. war, entsprechend hatte diese Personengruppe auch zum jüdischen Hilfswerk beizutragen. Im Winter 1935/36 betreuten die jüdischen Wohlfahrtsstellen reichsweit im Rahmen der Jüdischen Winterhilfe 83.761 Hilfsbedürftige, dies entsprach einem Anteil von 20 Prozent der noch in Deutschland lebenden Juden.

Einnahmen der Jüdischen Winterhilfe


Die Träger der Jüdischen Winterhilfe waren lokal zumeist die Jugend- und Wohlfahrtsämter der jüdischen Gemeinden, so auch in Hamburg, wo die Deutsch-Israelitische Gemeinde (DIG) schon 1933 eine gemeindeeigene Nothilfe unter dem Namen „Winterhilfe“ organisiert hatte und sich auch in den folgenden Jahren mit bemerkenswertem organisatorischem Engagement beteiligte. Die Leitung des Hamburger Jüdischen Winterhilfswerks übernahm von Ende 1935 bis zum Frühjahr 1939 und wieder ab Herbst 1940 der „Finanzkommissar“ der Gemeinde Staatsrat a.D. Dr. Leo Lippmann. Die Einnahmen des Jüdischen Winterhilfswerks ergaben sich aus vier Quellen: In erster Linie aus den regelmäßigen monatlichen Beiträgen der Steuerzahler. Arbeitnehmer und Arbeitgeber hatten an die Jüdische Winterhilfe Hamburg die Beiträge zu zahlen, wie sie vom „Gau Hamburg des Winterhilfswerkes des deutschen Volkes“ in einem Merkblatt bestimmt worden waren. Dieses Modell konnte hinsichtlich bestehender Arbeitsverhältnisse kaum noch – wie im allgemeinen Winterhilfswerk übrigens auch – als eine „freiwillige“ Spende verstanden werden, sie nahm vielmehr den Charakter eines pflichtmäßigen Solidarbeitrages an. Eine zweite regelmäßige Einnahme ergaben die Sammlungen an den „Eintopfsonntagen“, die am 1.10.1933 durch das NS-Regime ins Leben gerufen worden waren. Die Gemeinde hatte dies übernommen. So kündigen die Zeichnungen für den 14.2.1937 eine Eintopfsammlung und für den 13.2.1938 einen Eintopf-Sonntag an. Eine dritte Quelle der Einnahmen bedeuteten die „Büchsensammlungen“ bei festlichen Gelegenheiten, etwa bei den Aufführungen des Hamburger Jüdischen Kulturbundes. Dieser Bereich galt indes als wenig ertragreich. Eine vierte Einnahmequelle waren Sammlungen zu besonderen Gelegenheiten. Die Gemeinde nutzte hierzu etwa im Jahre 1935 das anstehende Chanukka-Fest, um eine Chanukka-Pfundspende, das heißt eine Lebensmittelspende, zu organisieren. Auch die Anzeige aus dem Winter 1937/38 zeigt einen brennenden Chanukkaleuchter und stellt so eine Verbindung zwischen Spendenaufruf und den Festtagen her.

Aufgaben der Jüdischen Winterhilfe


In Hamburg galten nach Angaben der Deutsch-Israelitischen Gemeinde 1936/37 ungefähr 15.000 Personen als beitragspflichtig. Im Winter 1936/37 wurden nach demselben Bericht im Hamburger Gemeindeblatt 3.600 bedürftige Personen betreut. Das war knapp jeder vierte Hamburger Jude. Zum Chanukka-Fest 1936 wurden insgesamt 6.000 Lebensmittelpakete verteilt – eine bemerkenswerte logistische Anstrengung. Im folgenden Jahr 1937/38 erhöhte sich trotz Auswanderung die Zahl der betreuten Hilfsbedürftigen für den gesamten Hamburger Raum. Man rechnete zunächst mit etwa 3.750 Hilfsbedürftigen, tatsächlich unterstützte die Jüdische Winterhilfe einschließlich Altona und Wandsbek 4.249 Personen. Im Jahr 1937/38 erreichten die absoluten Einnahmen aus dem Winterhilfswerk mit 102.300 RM immer noch einen beträchtlichen Umfang. Sie machten aber im Verhältnis zu den haushaltsplanmäßigen Gemeindeausgaben nur noch einen Anteil von knapp 16 Prozent aus. In den nachfolgenden Jahren sanken die Einnahmen aufgrund der fortschreitenden Verarmung der Hamburger Juden und den nach §37a DevG (Devisengesetz) erlassenen Sicherungsanordnungen durch den Oberfinanzpräsidenten Hamburg weiter ab. Im Jahr 1941/42 betrugen die Einnahmen aus der Jüdischen Winterhilfe noch circa 67.000 RM, danach verlieren sich die Spuren.

Auswahlbibliografie


S[alomon] Adler-Rudel, Jüdische Selbsthilfe unter dem Naziregime 1933-1939, Tübingen 1974.
Leo Lippmann, „... Dass ich wie ein guter Deutscher empfinde und handele“. Zur Geschichte der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg in der Zeit vom Herbst 1935 bis zum Ende 1942, Hamburg 1993.
Maren Krüger (Hrsg.), Herbert Sonnenfeld, Ein jüdischer Fotograf in Berlin 1933–1938. Ausstellung des Berlin Museums, Abteilung Jüdisches Museum im Martin Gropius-Bau, 17. August bis 28. Oktober 1990, Berlin 1990.

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Zur Autorin

Ina Lorenz, Prof. Dr. phil., arbeitet nach ihrem Eintritt in den Ruhestand als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für die Geschichte der deutschen Juden. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind die deutsch-jüdische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts besonders im norddeutschen Raum, Quelleneditionen zu den jüdischen Gemeinden Hamburg, Altona und Wandsbek vom 17. bis zum 20. Jahrhundert, sowie Sozial- und Gemeindegeschichte der Juden in Hamburg. Auch: http://mitglieder.gegj.de/lorenz-prof-em-dr-ina/

Zitationsempfehlung und Lizenzhinweis

Ina Lorenz, Eintopfsammlung. Die Jüdische Winterhilfe in Hamburg, in: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, 14.12.2016. <https://dx.doi.org/10.23691/jgo:article-67.de.v1> [23.11.2017].

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