Das Grabdenkmal von Dr. Gabriel Riesser auf dem Jüdischen Friedhof an der Ilandkoppel/Hamburg Ohlsdorf

Annabelle Lienhart

Quellenbeschreibung

Dreistufiges klassizistisches Grabdenkmal aus Sandstein und weißem Marmor, circa 400x170x100 cm (ohne Fundament). Auf einem Sockel aus Oberkirchner Sandstein ruht der marmorne Mittelteil mit Halbrelief auf der Vorderseite, eingefasst von vier korinthischen Säulen, die einen Giebeldachaufsatz mit sechs Akroterien tragen. Auf dem Reliefblock abgebildet ist eine halbbekleidete weibliche Gestalt, die sich mit einem Schwert in der Rechten über eine zu ihren Füßen niedergestreckte Schlange erhebt – möglicherweise eine Allegorie der über die Lüge triumphierenden Wahrheit, oft aber auch als eine Darstellung der „Justitia“ oder der „Libertas“ gedeutet. Auf der Vorderseite des Sockels und der Rückseite des Mittelteils ist in Reliefschrift der Name des Verstorbenen „Dr. Gabriel Riesser“ eingearbeitet, auf den beiden Seitenwänden des Mittelteils befinden sich Gravuren mit dessen Lebensdaten – vom Betrachter ausgehend links in christlicher, rechts in jüdischer Zeitrechnung.
  • Annabelle Lienhart

Gabriel Riesser: Symbolfigur der jüdischen Emanzipation


Der Jurist, Politiker und Publizist Dr. Gabriel Riesser war als Vizepräsident der Frankfurter Nationalversammlung und der Hamburger Bürgerschaft, erster jüdischer Richter in Deutschland und Verfasser zahlreicher politischer Schriften nicht nur einer der führenden deutschen Verfassungspolitiker der 1848er Revolution, sondern auch ein Vorkämpfer für die politische und bürgerliche Gleichstellung der deutschen Juden. Bereits zu Lebzeiten galt Riesser als Symbolfigur der jüdischen Emanzipation und des liberalen deutschen Judentums.

Stiftung und Gestaltung des Grabmals


Um sein Lebenswerk zu würdigen und das Andenken an seine Verdienste zu wahren, stifteten die Hamburger Anwaltschaft und einige enge Freunde Riessers nach dessen Tod am 22.4.1863 ein repräsentatives Grabmal mit Denkmalcharakter. Das von Albert Rosengarten (18101893) entworfene Monument in zeitgenössischem klassizistischen Stil sollte der enormen Strahlkraft Riessers Ausdruck verleihen und wurde am 22.10.1865 auf dem Hamburger jüdischen Friedhof am Grindel feierlich enthüllt.

Für die Gestaltung des Riesser-Grabmals vorgesehen war ursprünglich der Hamburger Bildhauer Julius Lippelt, der 1864 jedoch überraschend verstarb. Den neuen Entwurf lieferte der Architekt Albert Rosengarten, der auch die Bildhauer- und Steinmetzarbeiten leitete. Ausgeführt wurden diese vom Kölner Bildhauer Engelbert Peiffer und Steinmetz Julius Bromberg.

Die erste Kontroverse um das Grabmal


Bereits vor seiner Enthüllung war die Gestaltung des Grabmals zum Gegenstand einer Kontroverse innerhalb der Hamburger Jüdischen Gemeinden geworden. Die Vorderseite des Grabmonuments zeigt das Relief einer halbentblößten Frauengestalt – vermutlich eine Allegorie der „Wahrheit“ – die zwar ganz dem zeitgenössischen Kunstgeschmack entsprach, allerdings empfindlich gegen das halachische Religionsgesetz verstieß, welches die bildliche Darstellung von Menschen auf Grabsteinen, Grabstätten und in Synagogen verbietet. Um keine religiösen Gefühle zu verletzen und gleichzeitig das Geschenk der Hamburger Anwaltschaft als Zeichen der Anerkennung zu würdigen, wurde schließlich ein mustergültiger Kompromiss gefunden: das Grabmal wurde verkehrt herum aufgestellt, so dass die Reliefseite nicht zum Grab Riessers ausgerichtet war.

Zwangsüberführung auf den Ohlsdorfer Friedhof


Auf eine Anordnung der Stadt Hamburg im Jahr 1936 musste der innerstädtische jüdische Grindelfriedhof während des Nationalsozialismus vollständig geräumt werden. Bis Juni 1937 wurden die Gebeine der dort Bestatteten exhumiert und gemeinsam mit circa 450 (von insgesamt circa 8.000) ausgewählten Grabsteinen auf den jüdischen Friedhof an der Ilandkoppel in Hamburg-Ohlsdorf überführt, wo sie in einem von Architekt Fritz Block als Ehrenhain gestalteten anonymen Massengrab beigesetzt wurden. Auch die Überreste Riessers wurden samt Grabmal auf den sogenannten Grindel-Gedenkfriedhof überführt, wobei Fritz Block eine weitreichende Umgestaltung des Denkmals vornahm: die das Monument ursprünglich von drei Seiten umgebende halbhohe Mauer mit Eckpfeilern auf einem Sockelpodest wurde entfernt, das Giebeldach gegen einen flachen Dachaufsatz ausgetauscht. Aufgestellt wurde das Denkmal anschließend in denkbar exponierter Lage an der Stirnseite des von Block als rechteckige, begrünte Anlage gestalteten Ehrenfriedhofs, der von sechzehn schlichten und gleichförmigen Gedenksteinen besonders verdienter Persönlichkeiten der Hamburger Jüdischen Gemeinden eingerahmt wurde.

Die zweite Kontroverse um das Grabmal


Obwohl Block durch die vereinfachende Umgestaltung des Riesser-Denkmals versucht hatte, dieses formal an die schlichte Formgebung der umgebenden Gedenksteine anzupassen, überragte das Denkmal diese beträchtlich und hob sich auch aufgrund seiner auffälligen Gestaltung erheblich von ihnen ab. Von der Portugiesisch-Jüdischen Gemeinde wurde dies als eine demonstrative Vorzugsstellung Riessers gegenüber den berühmten Hamburger Rabbinern und geistigen Führern gewertet: deren bescheidene Gedenksteine standen nun regelrecht im Schatten des Riesser-Monuments. Zum Gräberfeld ausgerichtet war nun auch wieder die Vorderseite des Denkmals und somit das umstrittene freizügige Relief – wie bereits 1865 gab dies den Anlass zu einer nunmehr über zwölf Monate andauernden Kontroverse zwischen der Deutsch-Israelitischen Gemeinde und der Portugiesisch-Jüdischen Gemeinde, die den Ohlsdorfer Friedhof verwaltete. Diesmal konnte jedoch keine Einigung erzielt werden: die Forderungen der sefardischen Portugiesengemeinde und die Vorschläge von eingeschalteten Vermittlern, das Denkmal erneut umzudrehen oder zu versetzen, das Relief von Efeu überwuchern zu lassen, es ganz zu entfernen, mit Tüchern zu verhüllen et cetera um den halachischen Gesetzen Genüge zu tun, wurden von Vertretern der liberalen Gemeinde – unter Berufung auf das geltende Öffentliche Recht – nun durchweg abgewiesen. Für die Hamburger liberalen Juden war das Denkmal nicht nur eine gebührende Würdigung der herausragenden historischen Bedeutung Riessers für die Stellung der Juden im 19. und 20. Jahrhundert: gestiftet unter anderem durch Spenden der Hamburger Anwaltschaft zeugte es auch von Respekt und Anerkennung des Juden Gabriel Riessers durch die christliche Mehrheitsgesellschaft, was gerade in den Zeiten von Repression und Verfolgung eine besondere Signalwirkung entfaltete.

Vor dem Hintergrund der drastischen Verschärfung von politischen Repressionen gegen die deutschen Juden im nationalsozialistischen Deutschland verlor die innerjüdische Kontroverse um das Riesser-Grabmal ab 1938 zunehmend an Bedeutung und wurde schließlich nicht weitergeführt. Der Konflikt um Aufstellung und Gestaltung des Riesser-Grabmals wurde nie gelöst und das Monument hat seinen exponierten Platz auf dem Ehrenhain des historischen Grindelfriedhofs bis heute behalten.

Wiederholte Umgestaltung und Restaurierung des Grabmals


Im Lauf der Zeit erfuhr das Grabmal Gabriel Riessers diverse restauratorische Maßnahmen und bauliche Umgestaltungen, von denen die 1936 von Fritz Block vorgenommenen Änderungen am radikalsten in die Gestalt des Werkes eingriffen. Bereits 1905 war das Denkmal restauriert und die durch Witterungseinflüsse stark beschädigten korinthischen Kapitelle aus hellem Marmor gegen unempfindlichere Kopien aus Bronze ersetzt worden. Zu einem unbekannten Zeitpunkt – vermutlich in den 1940er-Jahren – wurden auch die bronzenen korinthischen Kapitelle entfernt und gegen behelfsmäßige, nunmehr romanische Kapitelle aus Stein ersetzt. Durch die Initiative von Prof. Dr. Peter Freimark und Frau Irmgard Stein vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg wurde das Grabmal im Rahmen eines Denkmalschutzprojektes des Senats der Hansestadt Hamburg 1985 komplett restauriert und durch die Wiederherstellung der korinthischen Kapitelle und des Giebeldachs mit Akroterien in weiten Teilen wieder in den Zustand vor 1936 zurückversetzt.

Das Grabmal als (kunst-) historische Quelle


Heute gilt das Riesser-Grabmal als eines der bedeutendsten Hamburger Denkmäler, das seinen besonderen Wert als (kunst-)historische Quelle nicht nur aus dem Verweis auf das außerordentliche Lebenswerk Gabriel Riessers und die hohe Wertschätzung durch weite Kreise sowohl der jüdischen als auch der nichtjüdischen Bevölkerung bezieht, sondern vor allem auch aus seiner wechselvollen Gestaltungs- und Rezeptionsgeschichte. Die Materialität, Ästhetik und mehrfache Umgestaltung des Grabmals spiegeln den zeitgenössischen Kunstgeschmack und dessen Wandel wider, der – zum Beispiel durch die von NS-Behörden angeordnete Räumung des Grindelfriedhofs 1937 – auch in hohem Maße den politischen Entwicklungen unterworfen war. Auch die Rekonstruktion des Denkmals in den Zustand vor 1936 durch den Hamburger Senat im Jahr 1985 entfaltet vor diesem Hintergrund eine besondere Signalwirkung, da das Denkmal nun auch zum Zeugnis eines gewandelten Geschichtsverständnisses und einer selbstkritischen Erinnerungskultur geworden war. Bei einer kunsthistorischen Untersuchung des Denkmals mit seinem klassizistischen Relief ist vor allem der Kontrast zur traditionellen jüdischen Grabsymbolik augenfällig, der auch den Hintergrund für die umstrittene Rezeption des Denkmals bildet.

Bedeutung des Grabmals für die jüdische Geschichte in Hamburg


Das Denkmal erzählt so die Geschichte eines innerjüdischen Konflikts, der nur auf den ersten Blick als ein lediglich interner Streit der Hamburger sefardischen und aschkenasischen Gemeinden erscheint. In den Kontroversen um das Grabmal zeigen sich die widerstreitenden Kräfte und die tiefe Gespaltenheit der deutsch-jüdischen Bevölkerung, die sich in Zeiten zunehmender Bedrohung, Unsicherheit, Ausgrenzung und Verfolgung immer drängender mit der Frage nach jüdischer Identität auseinandersetzte. Galt den Vertretern eines liberalen Judentums das Grabmal Riessers hier als ein hoffnungsvolles Symbol der Jüdischen Emanzipation und der gesellschaftliche Anerkennung in einer christlichen Mehrheitsgesellschaft, versuchten konservative Strömungen durch traditionelle Lebensweise und strikte Einhaltung der Religionsgesetze der Assimilation und dem befürchteten Verlust von jüdischer Selbstgewissheit und innerer Sicherheit entgegenzuwirken.

Das Riesser-Denkmal zeigt geradezu beispielhaft, wie eine einzelne Quelle gleich auf mehreren Interpretationsebenen gelesen werden kann und somit – vom Besonderen auf das Allgemeine verweisend – den Zugang zu den unterschiedlichsten biografischen, künstlerischen, historischen, gesellschaftlichen und politischen Diskursen ermöglicht.

Auswahlbibliografie


Manfred F. Fischer, Denkmal- und Baupflege in Hamburg am Beispiel des Riesser-Grabmals und des Neidlinger Hauses, in: Zeitschrift des Vereins für die Hamburgische Geschichte 74/75 (1989), S. 319–314.
Eberhard Kändler, Die Restaurierung des Grabdenkmals Dr. Gabriel Riessers und seiner Kapitelle im Jahre 1905, in: Zeitschrift des Vereins für die Hamburgische Geschichte 77(1991), S. 203–207.
Ina Susanne Lorenz, Sefardim contra Ashkenazim. Der späte Streit um das Grabdenkmal Gabriel Riesser 1937/1938, in: Michael Studemund-Halévy (Hrsg.), Die Sefarden in Hamburg. Zur Geschichte einer Minderheit, Bd. 1, Hamburg 1993, S. 455–485.

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Zur Autorin

Annabelle Lienhart, M.A., studierte Geschichte und Germanistik in Hamburg. Als freie Historikerin war sie in verschiedenen Editions- und Digitalisierungsprojekten tätig. Seit 2016 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Historischen Abteilung der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.

Zitationsempfehlung und Lizenzhinweis

Annabelle Lienhart, Das Grabdenkmal von Dr. Gabriel Riesser auf dem Jüdischen Friedhof an der Ilandkoppel/Hamburg Ohlsdorf, in: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, 22.03.2017. <https://dx.doi.org/10.23691/jgo:article-26.de.v1> [23.06.2017].

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