Umstrittene Judenmission. Ein Briefwechsel aus dem Jahr 1964 zwischen dem Hamburger Innensenator Helmut Schmidt und dem Bischof Hans-Otto Wölber

Rainer Hering

Quellenbeschreibung

Bei der Quelle handelt es sich um fünf maschinenschriftliche Briefe von ein bis zwei Seiten Länge aus dem Zeitraum April bis September 1964. Sie sind an zwei Orten überliefert: Im Helmut Schmidt Archiv im Archiv der sozialen Demokratie in Bonn sowie in den Dienstakten des Bischofs Hans-Otto Wölber (Bestand 11.02 Bischof für Hamburg) im Landeskirchlichen Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche) in Kiel.

Der sozialdemokratische Hamburger Innensenator Helmut Schmidt hatte als Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Hamburg im Frühjahr 1964 erfahren, dass die evangelische Landeskirche Judenmission betrieb. Dies wurde von ihm wie auch von Juden mit Sorge betrachtet. Er ließ sich persönlich vom Bischof der Evangelisch-lutherischen Kirche im Hamburgischen Staate Dr. Hans-Otto Wölber über den Sachstand informieren und nahm kritisch zu jeglicher Form von Judenmission Stellung.

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(Vor-) Geschichte zum Briefwechsel


Die Reformatoren hatten bereits im 16. Jahrhundert versucht, Juden dazu zu bewegen, zum Protestantismus überzutreten. Die eigentliche protestantische Judenmission begann im 18. Jahrhundert mit Johann Christoph Wagenseil; 1728 entstand in Halle das Institutum Judaicum mit dem Ziel, das Judentum zu erforschen und den Juden das Evangelium zu bezeugen. Die Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts führte zu einem weiteren Aufschwung der Judenmission, insbesondere in England.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Erfahrung des Holocaust kam es zu einer Neuorientierung der Judenmission. Seit den 1960er-Jahren wurde im Protestantismus die Legitimation der Judenmission immer grundsätzlicher in Frage gestellt. Erst im Januar 1980 lehnte die Synode Versammlung geistlicher Vertreter der christlichen Kirche, in der Entscheidungen über Glaubensfragen getroffen werden. der Evangelischen Kirche im Rheinland als erste Landeskirche überhaupt die Mission von Juden prinzipiell ab. In der römisch-katholischen Kirche gibt es seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil Katholische Kirchenversammlung im Vatikan, welche vom Oktober 1962 bis Dezember 1965 stattfand. Auf dieser Versammlung wurde eine Öffnung und Erneurerung der römisch-katholischen Kirche beschlossen. mit der Erklärung Nostra aetate „Erklärung über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen“ vom 2. vatikanischen Konzil, in der andere Religionen anerkannt wurden. (1965) eine Diskussion über die Judenmission. 2009 lehnte das Zentralkomitee der deutschen Katholiken jede Form der Judenmission ab und betonte den Dialog zwischen Christen und Juden.

Im Briefwechsel zwischen dem sozialdemokratischen Hamburger Innensenator Helmut Schmidt und dem Bischof der Evangelisch-lutherischen Kirche im Hamburgischen Staate Dr. Hans-Otto Wölber werden die unterschiedlichen Grundpositionen dieser bundesweiten Debatte deutlich. Bemerkenswert ist, dass sich ein Politiker zu diesem sehr frühen Zeitpunkt intensiv mit dem Thema beschäftigte und eine klare Ablehnung jeglicher Judenmission formulierte. Diese Position stellte damals im Protestantismus noch eine Minderheitsmeinung dar, die sich jedoch Jahrzehnte später als Mehrheitsmeinung durchsetzen sollte.

Helmut Schmidt stellte sich in seinem Schreiben gegen den von ihm sonst sehr geschätzten Kirchenvertreter Hans-Otto Wölber, der nach wie vor die Judenmission befürwortete und damit die damalige Mehrheitsposition im Protestantismus vertrat. Schmidt nahm sich viel Zeit für die Auseinandersetzung und informierte sich – trotz seiner grundsätzlichen Distanz zur wissenschaftlichen Theologie – gründlich in allgemeinen theologischen Fachzeitschriften. Deutlich werden nicht nur die von ihm geforderte Toleranz in religiösen und weltanschaulichen Fragen, sondern auch eine besondere Sensibilität in Bezug auf Israel und das Judentum, die von der Erfahrung des „Dritten Reiches“ geprägt war.

Verlauf der Diskussion und Argumentationslinien


Den Anstoß zu dem Meinungsaustausch hatte eine Vorstandssitzung der 1952 gegründeten Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Hamburg gegeben, auf der das Thema zur Sprache gekommen war. Schmidt war verwundert, dass die Landeskirche Judenmission betrieb, und erkundigte sich beim Bischof am 30.4.1964 über den Sachverhalt: „Es leben zur Zeit höchstens 2 bis 3000 Juden in Hamburg; unter ihnen zu missionieren würde ich – unabhängig von jeder denkbaren theologischen Legitimation – kirchenpolitisch für einen Fehler halten. Ich habe auch schon eine sehr bittere Bemerkung aus jüdischem Munde über diese Arbeit gehört.“ Schmidt schloss also eine von kirchlicher Seite mögliche theologische Argumentation für die Judenmission nicht aus, ordnete diese aber klar der historischen Erfahrung des Holocaust und einem guten christlich-jüdischen Verhältnis unter.

Doch der Hamburger Bischof bestand in seinem Antwortschreiben vom 13.5.1964 eben gerade aus theologischen Gründen auf der Judenmission, wobei er nicht auf die jüdische Perspektive einging. Mission bedeutete für Wölber „Fühlungnahme zwischen Gruppen, die Gott in seinem geschichtlichen Handeln aneinander gewiesen hat. […] Dies hat mit einer Anmaßung der Christenheit, mit Rassenvorurteilen, mit Unbußfertigkeit der Christen in Deutschland und was man sonst vermuten möchte, nichts zu tun.“ Doch Schmidt ließ sich von dieser kirchlichen Begründung nicht völlig überzeugen, wie er am 13.7.1964 festhielt: „Den Ausdruck ‚Dienst an Israel‘ kann ich bejahen, den Begriff ‚Judenmission‘ halte ich nach wie vor für unzweckmäßig, wie ich auch jede Missionstätigkeit unter den deutschen Juden für unzweckmäßig halte.“

Das Thema der Judenmission beschäftigte Helmut Schmidt weiterhin: In den Lutherischen Monatsheften Paul Reinhardt, Kirche und Judentum, in: Lutherische Monatshefte 3 (1964), S. 261–264. las er einen Artikel Paul Reinhardts, dem er entnahm, dass die Judenmission auch mit theologischen Argumenten abgelehnt werden könne. Ihn habe die dort referierte Position Günther Harders – Professor für Neues Testament an der Kirchlichen Hochschule Berlin und aktiv in der Arbeitsgemeinschaft Juden-Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag – sehr angesprochen, der ein Werben für das Christentum im Gespräch mit Juden ablehnte. Daher setzte Schmidt den Schriftwechsel mit Wölber in dieser Frage am 26.8.1964 fort. Dass es bei der Judenmission um die „Rettung Israels“ gehe, sei „unendlich überheblich“, wie Schmidt pointiert formulierte. Als Staatsbürger seien wir berufen, „anderen Bekenntnissen gegenüber Toleranz zu üben“ – „Toleranz, die aus dem Respekt vor den Glaubensüberzeugungen des Nächsten kommt“. Der Brief macht deutlich, dass Schmidt Juden als deutsche Staatsbürger eines anderen religiösen Bekenntnisses versteht – damit stellt er Christentum und Judentum gleich. Die Staatsbürgerschaft – und implizit der Staat – steht somit neutral über unterschiedlichen Religionen.

Helmut Schmidts Interesse an der Frage der Judenmission resultiere „aus der Erinnerung an die besondere Rolle, die manche lutherische Christen in vergangenen Generationen bei der Auseinandersetzung mit dem Judentum leider gespielt haben“. Damit kann Martin Luther selbst mit seinen problematischen späten Judenschriften gemeint sein, vermutlich dachte Schmidt hier aber in erster Linie an die lutherischen Deutschen Christen während des Nationalsozialismus, da seine persönlichen Erfahrungen dieser Zeit sein Handeln als Politiker stark geprägt haben. Diese Position und die sensible Berücksichtigung der nationalsozialistischen Geschichte waren in den frühen 1960er-Jahren in kirchlichen Kreisen nur sehr selten anzutreffen.

Hans-Otto Wölber behielt seine Auffassung jedoch bei und schickte Schmidt am 22.9.1964 aktuelle Beiträge zur Judenmission aus der Lutherischen Rundschau. Zugleich beendete der Bischof mit diesem Schreiben den Disput mit einer allgemeinen Formel, ohne weiter auf den inhaltlichen Dissens einzugehen: „Fragen wir in der Spannweite des religiösen Denkens nach der Erlösung, so meinen die Christen auch heute, den jüdischen Brüdern etwas entgegenhalten zu müssen. Aber Sie haben recht, das ganze sind Fragen, die auch auf unserer christlichen Ebene sehr unterschiedlich beurteilt werden.“

Schmidt und Wölber argumentierten auf unterschiedlichen Ebenen. Während der Bischof sich auf theologische Argumente konzentrierte, sah Schmidt vorrangig die kirchenpolitischen Auswirkungen der Judenmission im Bewusstsein der deutschen Verantwortung für den Holocaust. Diese standen für ihn vor theologischen Begründungen, da er das friedliche Zusammenleben beider Religionen im Blick hatte.

Weiterer Verlauf und späte Einigung


Drei Jahrzehnte später, 1995, publizierte die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Hamburg eine „Absage an die Judenmission“ und löste damit eine heftige Diskussion, vor allem in kirchlichen Kreisen, aus. Hintergrund war die verstärkte Einwanderung von Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, an denen es Bekehrungsversuche von Evangelikalen gab. Helmut Schmidt entwickelte seine Haltung zur Mission weiter und lehnte in einem Vortrag in der Augustana-Hochschule der Bayerischen Landeskirche in Neuendettelsau im Dezember 1997 jegliche Mission ab: „Es dient dem Frieden zwischen den Religionen, zwischen den Religionsgemeinschaften, von Kirchen überhaupt nicht, wenn die eine der anderen die Gläubigen abzuwerben versucht – so gut auch immer die Absicht sein mag.“ In seiner im Jahr 2008 publizierten „Bilanz“ Außer Dienst stellt Helmut Schmidt fest, dass er selbst Gläubige zeitlebens immer respektiert habe, „gleich welcher Religion sie anhängen.“ Religiöse Toleranz sei unerlässlich: „Jeder Mensch muß jedem anderen Menschen seinen Glauben und seine Religion lassen. Er muß ihm auch seinen Unglauben lassen. Die Menschheit hat religiöse Toleranz nötig, deshalb hat jeder einzelne religiöse Toleranz nötig. […] Deshalb habe ich die christliche Mission stets als Verstoß gegen die Menschlichkeit empfunden.“  Helmut Schmidt, Außer Dienst. Eine Bilanz, München 2008, S. 288 f.

Auswahlbibliografie


Archiv Helmut Schmidt, Hamburg, Eigene Arbeiten, Ordner 295 12. 1997, Nr. 4, Vortrag Schmidts am 6.12.1997 in Neuendettelsau. Er basiert auf dem am 6.10.1997 in Hamburg gehaltenen Vortrag „Warum ich (kein) Christ bin“, die im Text zitierte Passage zur Mission ist handschriftlich ergänzt worden (Bl. 20 und 20a, Hervorhebungen im Original).
Paul Gerhard Aring, Judenmission, in: Theologische Realenzyklopädie Band XVII, Berlin u. a. 1988, S. 325–330.
Rainer Hering, „Aber ich brauche die Gebote...“. Helmut Schmidt, die Kirchen und die Religion (Studien der Helmut und Loki Schmidt-Stiftung 8/9), Bremen 2012.
Rainer Hering, Christen und Juden im 20. Jahrhundert, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 149 (2013), S. 311–326.
Paul Reinhardt, Kirche und Judentum, in: Lutherische Monatshefte 3 (1964), S. 261–264.

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Zum Autor

Rainer Hering, Prof. Dr. phil. Dr. theol., ist Leiter des Landesarchivs Schleswig-Holstein sowie Professor im Arbeitsbereich Deutsche Geschichte der Universität Hamburg und Honorarprofessor an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der neueren und neuesten deutschen Geschichte mit regionalem Fokus auf Hamburg und Schleswig-Holstein. Auch: http://www.clio-online.de/forscherinnen=692

Zitationsempfehlung und Lizenzhinweis

Rainer Hering, Umstrittene Judenmission. Ein Briefwechsel aus dem Jahr 1964 zwischen dem Hamburger Innensenator Helmut Schmidt und dem Bischof Hans-Otto Wölber, in: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, 22.09.2016. <https://dx.doi.org/10.23691/jgo:article-21.de.v1> [23.11.2017].

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