Radioaufruf zum antijüdischen Boykott

Michael Grüttner

Quellenbeschreibung

Die Rundfunkansprache Karl Kaufmanns, des Hamburger Gauleiters der NSDAP, die am 29.3.1933 über den Norddeutschen Rundfunk verbreitet wurde, war Teil einer reichsweiten Kampagne, die ihren Höhepunkt mit dem „Judenboykott“ vom 1.4.1933 erreichte. Die Rede gibt einen Einblick in das nationalsozialistische Bild von „den Juden“. Diese werden als eine international ausgerichtete Minderheit charakterisiert, die keine nationalen Loyalitäten kannte, sondern stattdessen „in vaterlandsverräterischer Weise“ agierte. In seiner Ansprache rechtfertigt Kaufmann den Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte, indem er ihn als defensive Antwort auf die „Greuelpropaganda“ des „internationalen Judentums“ darstellt. Im Unterschied zum generellen Tenor der Kampagne attackiert Kaufmann aber nicht nur die Juden, sondern widmet einen erheblichen Teil seiner Redezeit der Sozialdemokratie, die er ebenso wie die Juden als international ausgerichtete „Vaterlandsverräter“ charakterisiert. Um den Vorwurf der „Greuelpropaganda“ zu belegen, verweist Kaufmann auf kritische Äußerungen Albert Einsteins über den Nationalsozialismus, auf die Anfrage eines Abgeordneten im britischen Unterhaus und auf ein Flugblatt der tschechoslowakischen Sozialdemokratie. Andere Passagen der Rede richten sich gegen die deutschen Juden, insbesondere gegen jüdische Juristen, Ärzte und Kaufhausbesitzer, die – wie Kaufmann suggeriert – verantwortlich seien für die existenziellen Probleme des akademischen Nachwuchses und des gewerblichen Mittelstandes. Kaufmanns Rede endet mit einem Aufruf zur Disziplin an die eigenen Parteigenossen und mit Drohungen gegen die Presse sowie gegen potentielle „Ruhestörer“. Die Rede dauerte insgesamt mehr als 22 Minuten. Wiedergegeben werden hier vornehmlich jene Ausschnitte, in denen Kaufmann die antisemitische Politik des sich etablierenden NS-Regimes legitimiert.
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Das Medium Radio


Der Rundfunk war Anfang der 1930er-Jahre noch ein relativ neues und teures Medium, das in Deutschland erst seit einem Jahrzehnt existierte und in den meisten Wohnungen noch nicht zum Inventar gehörte. 1933 verfügte erst ein Viertel aller Haushalte über ein Radiogerät. Die Nationalsozialisten erkannten früh das politische Potential des Rundfunks als Instrument politischer Indoktrination. Schon in den Wochen nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler gelang es den neuen Machthabern, die Rundfunkanstalten weitgehend zu monopolisieren. Den Sieg der Rechtskoalition bei den Reichstagswahlen im März 1933 führte Propagandaminister Goebbels später zu „60, 70, 80 Prozent“ auf den Einsatz des Radios im Wahlkampf zurück. Auch auf lokaler und regionaler Ebene machte die NSDAP schon bald ausgiebig Gebrauch von dem neuen Medium, wie die hier in Auszügen publizierte Rede des Hamburger Gauleiters Kaufmann zeigt.

[00:16-00:50]

Die Person Karl Kaufmann


Karl Kaufmann gehörte zu den jüngeren Spitzenfunktionären der NSDAP. Als Angehöriger der sogenannten „Kriegsjugendgeneration“ war er Teil jener Alterskohorte, die zu jung gewesen war, um als Frontkämpfer am Ersten Weltkrieg teilzunehmen, aber alt genug, um den Krieg – und insbesondere das Kriegsende – als grundlegende biografische Zäsur wahrzunehmen. Während Kaufmann nach dem Ende seiner Schulzeit beruflich nirgendwo richtig Fuß fassen konnte, gelang ihm in der damals noch relativ unbedeutenden NSDAP eine rasche politische Karriere. 1929 ernannte Hitler den gerade 28-jährigen Nachwuchspolitiker zum Gauleiter der NSDAP in Hamburg. Zwischen 1933 und 1939 übernahm Kaufmann außerdem eine Reihe staatlicher Ämter: Als Reichsstatthalter (seit 1933), Chef der hamburgischen Landesregierung (seit 1936) und Reichsverteidigungskommissar (seit 1939) war er der bei weitem einflussreichste Hamburger Politiker in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur.

Antijüdischer Boykott


In der Rundfunkansprache versucht Kaufmann, die antijüdische Boykottaktion der NSDAP am 1. April zu rechtfertigen. Ausgangspunkt dieser Aktion war die „Greuelpropaganda im Ausland“ (Goebbels) oder, anders formuliert, die kritische Berichterstattung ausländischer Medien über die Welle der Gewalt, mit der die Nationalsozialisten ihre Herrschaft festigten und ihre Kritiker einschüchterten. Offiziell hatte die Aktion das Ziel, mit einem groß angelegten Boykott aller jüdischen Geschäfte in Deutschland ein Ende der angeblichen „Greuelpropaganda“ zu erzwingen.

[03:58-06:17]

Um die ausländischen Medien anprangern zu können, malt der Gauleiter das Bild eines friedlichen Deutschlands, in dem keinem Juden „ein Haar gekrümmt“ und kein sozialdemokratischer „Hetzer“ zur Rechenschaft gezogen worden sei. Richtig daran ist, dass in dieser ersten Phase nationalsozialistischer Gewaltausübung weder die Sozialdemokraten noch die Juden, sondern die Kommunisten das bevorzugte Angriffsziel der SA-Stürme bildeten. Gleichwohl kam es auch im Frühjahr 1933 bereits zu zahlreichen Gewalttaten gegen andere Gegner der NSDAP – so beispielsweise in Kiel, wo am 12. März der Rechtsanwalt Wilhelm Spiegel ermordet wurde, der den Nationalsozialisten als Jude und als Sozialdemokrat gleich in doppelter Weise verhasst war.

[10:32-12:47]

Kaufmann fordert „Gleichberechtigung“


Ein zweites Leitmotiv der Rede bildet Kaufmanns Forderung nach „Gleichberechtigung“ der Deutschen gegenüber den Juden, wobei die deutschen Staatsbürger jüdischer Konfession wie selbstverständlich nicht zu den Deutschen gerechnet werden. Mit taktischem Geschick wird das aggressive Vorgehen der Nationalsozialisten gegen das „Gastvolk der Juden“ dadurch zu einem Akt der Selbstverteidigung gegen eine jüdische Übermacht umgedeutet. Um die Forderung nach „Gleichberechtigung“ plausibel zu machen, verweist Kaufmann vor allem auf die Rolle der Juden in der Ärzteschaft und in der Justiz, das „in keinem Verhältnis zur Zahl der jüdischen Bevölkerung in Deutschland“ stehe. In diesen Berufen waren Juden traditionell stark vertreten und – gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil – in der Tat überrepräsentiert. Gleichwohl operiert der Hamburger Gauleiter in seiner Rede mit falschen Zahlen. So waren keineswegs 43 Prozent aller Hamburger Rechtsanwälte Juden, wie Kaufmann behauptet. Tatsächlich gehörten zu diesem Zeitpunkt 134 von 646 Hamburger Anwälten der jüdischen Gemeinde an (21 Prozent). Selbst wenn man jene Rechtsanwälte, die ganz oder teilweise jüdischer Herkunft waren (getaufte Juden und „Mischlinge“), mit einbezieht, lag der Anteil der sogenannten „Nichtarier“ bei 32 Prozent und damit immer noch deutlich unter den Angaben des Hamburger Gauleiters.

[13:24-17:10]

Kaufmanns Polemik gegen die Überrepräsentation der Juden in einigen Berufen und Wirtschaftszweigen knüpfte an weit verbreitete Existenzängste im akademischen Nachwuchs und im gewerblichen Mittelstand an. Anders als die Kampagne gegen die angebliche „Greuelpropaganda“ appellierte diese Argumentation an materielle Interessen und versprach eine Überwindung bestehender Probleme durch die Ausschaltung jüdischer Konkurrenz. Hier zeichnete sich bereits die massenhafte Vertreibung von Juden aus den akademischen Berufen ab, die wenige Tage später mit den antisemitischen Aprilgesetzen begann.

Am 1.4.1933 postierten sich SA-Männer vor jüdischen Geschäften, Anwaltsbüros und Arztpraxen, um potentielle Kunden, Klienten oder Patienten abzuschrecken. Nicht selten wurden Schaufensterscheiben mit antisemitischen Parolen beschmiert; vereinzelt kam es zu Gewalttätigkeiten. Die Betroffenen empfanden den Boykott oft als traumatische Erfahrung, weil sie erstmals öffentlich von der Mehrheitsgesellschaft abgesondert wurden.

Reaktionen auf den Boykott


Viele jüdische Geschäftsleute resignierten angesichts der abschreckenden Wirkung der SA-Posten auf potentielle Kunden und schlossen ihre Läden im Laufe des Tages. Andere fühlten sich dagegen durch demonstrative Solidaritätsbekundungen ihrer Patienten oder Kunden eher ermutigt. Zu ihnen gehörte die Wandsbeker Ärztin Henriette Necheles-Magnus, die später über diesen Tag berichtete: „Die Patienten kamen und kamen mit Blumen, mit kleinen Gaben: ‚Wir wollen Ihnen zeigen, was wir von dieser Politik halten.‘ ‚Ich bin nicht krank, Doktor, ich komme, um zu sehen, wie es Ihnen geht.‘ […] Meiner Nachbarin auf der anderen Seite der Straße ging es genau so, sie sagte, sie hätte noch nie so viel einzelne Eier verkauft als an diesem Tag, da die armen Leute nicht mehr Geld als zu einem Ei übrig hatten und doch irgendwie ihr das Gefühl des Zusammenhanges zeigen wollten […] Im ganzen war der Boykott unpopulär“.

Offiziell endete der Boykott nach einem Tag, doch das war nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich zogen NSDAP und SA am 2. April lediglich die uniformierten Posten von den jüdischen Geschäften ab. Gleichzeitig setzten zahlreiche Ortsgruppen der NSDAP die Boykottaktion im Stillen fort. Parteimitglieder, die in jüdischen Geschäften einkauften oder in Restaurants mit „nichtarischem“ Besitzer verkehrten, mussten mit einem Parteigerichtsverfahren rechnen. Darüber hinaus waren vor allem in der Provinz auch „Volksgenossen“, die nicht der NSDAP angehörten, erheblichem Druck ausgesetzt, jüdische Geschäfte zu meiden. Wer sich diesem Druck nicht beugte, wurde in zahllosen Fällen öffentlich angeprangert.

Auswahlbibliografie


Hannah Ahlheim, „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“. Antisemitismus und politischer Boykott in Deutschland 1924 bis 1935, Göttingen 2011.
Frank Bajohr, Hamburgs „Führer“. Zur Person und Tätigkeit des Hamburger NSDAP-Gauleiters Karl Kaufmann (1900–1969), in: Frank Bajohr/Joachim Szodrzynski (Hrsg.), Hamburg in der NS-Zeit. Ergebnisse neuerer Forschungen, Hamburg 1995, S. 59–91.
Volker Jakob, Wilhelm Spiegel, Jude – Anwalt – Sozialist. Das erste Mordopfer der antisemitischen Gewalt, in: Gerhard Paul/Miriam Gillis-Carlebach (Hrsg.), Menora und Hakenkreuz. Zur Geschichte der Juden in und aus Schleswig-Holstein, Lübeck und Altona (1918–1998), Neumünster 1998.
Heiko Morisse, Jüdische Rechtsanwälte in Hamburg. Ausgrenzung und Verfolgung im NS-Staat, Hamburg 2003.
Michael Wildt, Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939, Hamburg 2007.

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Zum Autor

Michael Grüttner, Prof. Dr. phil., *1953, ist apl. Professor für Neuere Geschichte an der Technischen Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind deutsche und europäische Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert, Geschichte des Nationalsozialismus und Universitätsgeschichte.

Zitationsempfehlung und Lizenzhinweis

Michael Grüttner, Radioaufruf zum antijüdischen Boykott, in: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, 22.09.2016. <https://dx.doi.org/10.23691/jgo:article-99.de.v1> [23.10.2017].

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