„Nach Palästina!“ Bemerkungen zum lebensgeschichtlichen Videointerview mit Rachel Dror

Lennart Bohne

Quellenbeschreibung

Die beiden ausgewählten Sequenzen  Sequenz I: 0:35:36 – 0:36:59 min und Sequenz II: 0:43:49 – 0:45:44 min. des Interviews mit Rachel Dror thematisieren ihre Erfahrungen während und nach der Pogromnacht in Hamburg, wo sie sich gemeinsam mit anderen jüdischen Jugendlichen auf ein Leben in Palästina vorbereitete, sowie ihre anschließende Rückkehr ins Elternhaus nach Königsberg. Das lebensgeschichtliche Videointerview wurde am 20.6.2012 für das Interviewprojekt „Sprechen trotz Allem“ der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas aufgenommen. Das Interviewprojekt beschäftigte sich mit Überlebenden, die aus Städten in den früheren deutschen Ostgebieten – wie Königsberg – stammten sowie mit Überlebenden aus deutschsprachigen Orten Mittelosteuropas wie Czernowitz, Lemberg oder Riga, in denen es bedeutende jüdische Gemeinden gab. Das Interview wurde im Ort der Information, den Ausstellungsräumlichkeiten unter dem Holocaust-Denkmal in Berlin, geführt. Die Interviewer waren Lennart Bohne, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, und Barbara Kurowska, freie wissenschaftliche Mitarbeiterin des Interviewprojekts. Für Kamera, Licht und Ton war Daniel Hübner, freier IT-Mitarbeiter des Interviewprojekts, verantwortlich. Das Interview wurde in deutscher Sprache geführt und hat eine Länge von 130:05 Minuten. Es sind zwei Schnitte, aufgrund von einer kurzen Unterbrechung und einer im Vorhinein abgesprochenen Pause nach etwa neunzig Minuten, vorhanden. Die Transkription und Bearbeitung wurden von Teresa Schäfer, einer freien wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Interviewprojekts, durchgeführt. Die Signatur des Interviews lautet: 01153/sdje/0048.
  • Lennart Bohne

Rachel Dror wurde als Rahel Zipora Lewin am 19.1.1921 in Königsberg geboren. Sie wuchs in einer traditionell-jüdischen Familie auf – neben dem Besuch des öffentlichen Lyzeums besuchte sie eine jüdische Religionsschule. 1936, zwei Jahre nach dem vorzeitigen Schulabbruch und dem Beginn einer Lehre zur Schneiderin, beschloss Rachel Dror, sich einer zionistischen Jugendgruppe anzuschließen, um sich nach Hamburg auf Hachschara – die Vorbereitung für ein Leben in Palästina – zu begeben. Zu diesem Zeitpunkt war die Ausgrenzung von Juden im Deutschen Reich bereits gesetzlich verankert und weit fortgeschritten. Während Rachel Dror in Königsberg bereits auf vielfache Art und Weise mit Antisemitismus konfrontiert worden war, ging es ihr im als weltoffen geltenden Hamburg, und vor allem im Kreise der jüdischen Jugendlichen, deren gemeinsames Ziel die Auswanderung war, zunächst vergleichsweise gut. Gemeinsam mit 27 weiteren Jugendlichen war sie in der Klosterallee 9 untergebracht. Nach eineinhalb Jahren, am Morgen des 28.10.1938, sah Rachel Dror zum letzten Mal ihren damaligen Jugendfreund Wolfgang Drechsler. Im Zuge der sogenannten „Polenaktion“ – bis zu 17.000 Juden polnischer Staatsbürgerschaft wurden dabei aus dem Deutschen Reich ausgewiesen – wurde er verhaftet und abgeschoben. Viele weitere Jugendliche aus der Hachschara-Gruppe waren von dieser Aktion betroffen, so dass die Wohngruppe aufgelöst wurde und Rachel Dror zur Schwester ihrer Mutter, Flora Rosenbaum, zog, die an der Talmud-Tora-Schule im Grindelviertel als Lehrerin tätig war. Zwei Wochen später, vom 9. auf den 10.11.1938, gipfelte der staatlich gelenkte Antisemitismus in der Pogromnacht. Rachel Dror befand sich zu diesem Zeitpunkt im Wohnhaus ihrer Tante, wo sie zunächst nichts von den Geschehnissen erfuhr. In der ersten Videosequenz erinnert sie sich an ihre Eindrücke und Empfindungen, die sie am darauf folgenden Morgen sammelte, nachdem sie Zeugin wurde, wie jüdische Menschen von der SA geschlagen und durch die Straßen getrieben wurden:
„Ja, als ich das sah, hab ich gedacht, da muss was Schlimmes passiert sein und ich bin schneller gegangen.“
In ihrer Erzählung beschreibt sie, wie sie daraufhin einen Zeitungskiosk erreichte, vor dem sich Schaulustige drängten. Die Erinnerung an diese Szene trägt eine Bildhaftigkeit in sich, die sich bleibend in Rachel Dror festgesetzt hat:
„[…] aber der hatte Zeitungen so übereinander gestapelt [gestikuliert], und das sah aus, als ob da Blut rübergelaufen ist. Oder rote Farbe gestrichen worden ist. Und das waren die Flammen der Synagogen, die in der Nacht vom neunten auf [den] zehnten November angezündet wurden.“
In den Schwarz-Weiß-Fotografien, die in den Zeitungen zu sehen sind, vor denen sich die Schaulustigen drängen, erkennt Rachel Dror die Widerspiegelung eines roten Scheins, den sie augenblicklich gleichermaßen mit Flammen und Blut assoziiert, während sich der Zeitungsverkäufer, bei dem sie lange Zeit ihre Zeitungen kaufte, mit einem Berliner Dialekt gleichzeitig an und gegen sie wandte:
„Na, Judje, willste auch sehen, wie deine Synagogen brannten?“

Symbolik in Rachel Drors Erinnerungen


Auch wenn es in dieser Passage um ein konkretes Datum, den Morgen des 10.11.1938, an einem konkreten Ort – Hamburg –, geht, so kann diese Stelle nicht als Schilderung des historischen Geschehens der Pogromnacht an diesem Ort gelten. Vielmehr ist es denkbar, dass sich an dieser Stelle des Interviews eine Verquickung aus persönlicher Erinnerung und später erlangtem Wissen über die Geschehnisse offenbart. Rachel Dror hat im Haus ihrer Tante eben nichts direkt von den Ausschreitungen gegen jüdische Menschen, ihre Geschäfte und Synagogen mitbekommen. Der rote Widerschein – Flammen und Blut –, den sie auf den Zeitungen sieht, ist demnach als eine Metapher zu verstehen, die die Zerstörung und das Leid, von dessen vollen Ausmaßen sie erst später erfahren haben kann, zu fassen versucht. Darüber hinaus erhalten die Ausschreitungen dadurch, dass über sie in den Zeitungen berichtet wird, eine Wahrhaftigkeit, sie werden – schwarz auf weiß – bezeugt. Für Rachel Dror ist dieser Moment in der Retrospektive bedeutsam, da sich für sie die bislang auf einer abstrakten Ebene vollziehende Entfesselung des Antisemitismus ganz konkret in ihrem eigenen Umfeld niederschlägt. Genau an dieser Stelle wechselt die Erzählung von der Schilderung historischer Ereignisse wieder in eine Form der ganz persönlichen Erinnerung: Auch Rachel Dror wurde in genau diesem Moment – einzig und allein weil sie Jüdin war – ausgegrenzt. Es war der Zeitungsverkäufer, der die politische Kultur des Landes verkörpernd, sich vor ihr aufbaute und sie verhöhnte. Dass Rachel Dror sich daran erinnert, dass der Verkäufer aufgrund seines Dialekts aus Berlin stammen musste, unterstreicht die Bedeutung dieses Moments.
Umgehend kehrte Rachel Dror in das Haus ihrer Tante zurück, wo ihr von den Vorkommnissen an der Talmud Tora Schule berichtet wurde. Ihre Tante hatte in der Zwischenzeit von der Verhaftung des Kollegiums und vieler ihrer Schüler erfahren. Voller Sorge um ihre eigene Familie in Königsberg, gelang es Rachel Dror schließlich, Kontakt zum Vater herzustellen, der ihr befahl, sofort nach Hause zurückzukehren.

Die Entscheidung auszuwandern


In der zweiten, darauf inhaltlich aufbauenden Sequenz, beschreibt Rachel Dror die Rückkehr nach Königsberg. Die Familie hatte in der Zwischenzeit das Elternhaus aufgegeben und in eine kleine Wohnung zwangsumziehen müssen. Dort traf Rachel Dror auf ihren verängstigten jüngeren Bruder, der nach den Gewalterfahrungen, denen die Familie in Königsberg ausgesetzt war – in der Pogromnacht wurde der Vater von Eindringlingen mit einer Ofenklinke schwer am Kopf verletzt – unter einem schweren Sprachfehler litt.
„und als ich das sah, hab ich gedacht ich fahr’ weg. Hier bleib ich nicht! Mein Vater hat gesagt:
„Wo fährst du hin?“
„Nach Palästina!“ “

Die Machtlosigkeit gegenüber der voranschreitenden Ausgrenzung, die zunächst auch in der eigenen Unfähigkeit zum Handeln Ausdruck fand, wurde in dem Moment, als Rachel Dror von der physischen Gewaltanwendung gegen ihren Vater erfuhr, gebrochen. Die Tatsache, dass die Gewalt auch vor der eigenen Familie nicht Halt machte, zog eine affektive Reaktion nach sich. Rachel Dror hatte sich zwar für ein Leben in Palästina gemeinsam mit der Hachschara-Gruppe vorbereitet, doch die Gruppe wurde zerschlagen. Der Familie war eine Auswanderung nicht nur finanziell nicht möglich, auch aus anderen Gründen kam es für sie nicht in Frage. Die Familie – allen voran die Mutter – fühlte sich als Deutsche. Sie konnten weder begreifen, wie es zu antisemitischen Ausschreitungen und der schrittweisen Ausgrenzung von Juden in dem Land kommen konnte, das sie als ihre Heimat betrachteten, noch konnten sie sich vorstellen, auszuwandern. Die Hoffnung, dass alles vorüberginge, blieb in der Familie allgegenwärtig. Nicht so bei Rachel Dror: Intuitiv traf sie die Entscheidung, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und setzte sich damit – zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal volljährig – gegen den Willen ihrer Eltern durch. Umgehend bemühte sie sich um ein Affidavit, eine beglaubigte Bürgschaftserklärung zur Einreise in ein anderes Land. Mit ihrer Tante als Bürgin gelang es ihr, am 29.4.1939 Deutschland zu verlassen und sich auf diese Weise vor weiterer Verfolgung zu retten. Auf ähnliche Weise, wie bereits beispielhaft in der ersten Sequenz veranschaulicht, versucht Rachel Dror auch im weiteren Verlauf des Interviews immer wieder mit Hilfe des zu einem späteren Zeitpunkt erworbenen historischen Wissens, ihre eigene Lebensgeschichte zu kontextualisieren und in ein Narrativ zu bringen. So konnte sie bei ihrer Auswanderung nicht ahnen, dass Palästina – das spätere Israel –ihre Heimat werden würde.
„Und wenn Sie mich fragen, dass ich mich als Israeli fühle, natürlich! Sie dürfen eins nicht vergessen, man wurde von Dreck, wurde man was. Nachdem man mich als Dreck behandelt hat, ja?! Und dann merkt man, ja man ist ja eigentlich kein Dreck. Man ist ja -n Mensch wie jeder andere auch.“
In beiden Sequenzen findet sich der von Baranowski beschriebene „Moment zwischen Fassungslosigkeit und Erkenntnis“ Daniel Baranowski (Hrsg.), Sprechen trotz allem. Das Videoarchiv der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin 2014, S. 24. , in dem sich persönliche Erinnerungen an die eigenen Erfahrungen, historisches Wissen und der zeitgenössische Deutungsrahmen verdichten. Nur wenn man die spezifischen Merkmale der Quelle Videointerview ernst nimmt und angemessen analysiert, ist es möglich, der vielschichtigen Erzählung individueller Zeugenschaft Rechnung zu tragen.

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Zum Autor

Lennart Bohne war wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung "Denkmal für die Ermordeten Juden Europas" und hatte dort die Projektleitung des Videoarchivs inne.

Zitationsempfehlung und Lizenzhinweis

Lennart Bohne, „Nach Palästina!“ Bemerkungen zum lebensgeschichtlichen Videointerview mit Rachel Dror, in: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, 22.09.2016. <https://dx.doi.org/10.23691/jgo:article-62.de.v1> [26.07.2017].

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